Carbon-Power

Forestone Carbon NeckAuf der Musikmesse 2015 wurden die ersten spielbaren Prototypen des Carbon S-Bogen von Forestone und daCarbo vorgestellt. Das Interesse war im letzten Jahr trotz des nicht unerheblichen Preises so hoch, dass die Produktion die Nachfrage nicht decken konnte und es Wartezeiten von ein paar Monaten gab.
Aber was ist jetzt an diesem sehr teuren und sehr fancy aussehendem Teil nun dran? Nur Protzerei oder funktionierendes Hightech?

Der Carbon Neck ist eine  Kooperation der japanischen Firma Forestone, welche besonders für ihre Kunststoffblätter bekannt ist, und der Schweizer Firma daCarbo, die bereits Trompeten und Posaunen mit Schallstück aus Carbon herstellt. Diese Instrumente genießen in der Szene eine extrem guten Ruf und werden unter anderem von Artuor Sandoval und Roy Hargrove gespielt. Da lag dann die Idee nahe, das Konzept auch auf das Saxophon zu übertragen.

Erhältlich sind sie für Alt- und Tenorsaxophon. Beide Firmen habe ihr eigene Version heraus gebracht, die sich aber nur in den Anbauteilen und Endfertigung etwas unterscheiden. Das Carbonteil ist identisch, weshalb der Soundunterschied eher marginal ist. Der daCarbo-Bogen wird vornehmlich im Schweizer Raum vertrieben, weshalb dieser nicht so verbreitet ist, wie der von Forestone, die inzwischen weltweit gut aufgestellt sind. Einer der Gründe für dieses Joint Venture.
Der Altobogen liegt preislich bei etwas über 1200€ und er für Tenor etwas über 1300€. Uiuiuiui.

Carbon erfreut sich in letzter Zeit in vielen bereichen als neues Material großer Beliebtheit, denn sein Hauptcharakteristika sind seine extreme Belastbarkeit bei gleichzeitig sehr geringem Gewichts, besonders im Vergleich zu Metall. Allerdings gehört zur Herstellung sehr viel Expertise, weshalb es seltenst eine Budgetlösung ist und daher vor allem im Highend-Bereich seine Verwendung findet.

11059959_10153103984148861_606477595382562444_nIch hatte das Glück, ein bisschen an der Entwicklung beteiligt zu sein und kann daher etwas aus dem Nähkästchen plaudern. Der Carbonexperte und Designer ist Andreas Keller, dem die Form des Saxophon S-Bogens, doch etwas mehr Kopfzerbrechen bereitete, als zuerst gedacht, da das Abnehmen und das spätere Erstellen der Innenform sowie das Entwickeln der Werkzeuge bei so einem konisch geschlungenem Teils etwas kompliziert ist. Er hat es mir bereits zweimal erklärt, wie es genau gemacht wird, aber so ganz habe ich das dann doch noch nicht kapiert.  Es ist jedoch noch recht viel Handarbeit involviert. Diese ist neben der Werkzeugkosten der Grund für den hohen Kosten. Schweizer Präzision hat halt seinen Preis. (besonders beim aktuellen Wechselkurs)

11986502_10153103984258861_7969103988997528535_nBei der Geometrie hat man sich an alte Selmerbögen orientiert, weshalb der Carbon Neck auch intonatorisch mit allen Selmer und auf denen basierenden Saxophonen (ca. 90% des aktuellen Marktes) harmoniert.
Besonders interessant war das experimentieren mit der Wandstärke, da diese drastische Einflüsse auf den Sound hatte. Die verschiedenen Anbautteile hatten dann auch noch verschiedene Wirkungen, aber zuviel sei hier nicht verraten, da das dann unter Firmengeheimnis läuft.

Ein besonderer Clou sind die austauschbaren Hülsen. Mit einem feinem Metallgewinde ausgestattet, lässt es sich einfach abschrauben. Geliefert wird Bogen regulär mit zwei Größen, die für Selmer und die meisten Taiwanesen passen. Aber Spezialanfertigungen können vom Hersteller ohne Probleme geordert werden.
Ein kleines Problem ist, dass man an Carbon nicht löten kann, weshalb die Metallteile nur angeklebt sind. Natürlich nicht mit Uhu, sondern einem Spezialkleber. Dennoch ist damit der Bogen etwas empfindlicher wenn man zu arg dran rüttelt. Auf das Carbonteil selber kann man mit dem Auto drüber fahren, aber die Klebeverbindung zwischen Hülse und Carbonteil ist etwas problematisch. Bei normaler Behandlung passiert da nichts und falls doch mal, lässt sich das extrem leicht reparieren.
Als der Bogen neu war, hat sich bei mir ein paar mal die Hülse aus dem Gewinde gedreht als ich eigentlich den ganzen Bogen rausnehmen wollte. Das hat sich aber inzwischen gelegt, nachdem sich das Gewinde etwas festgesetzt hat. An sich kann man diese auch verkleben, da man die Hülse ja nicht ständig wechseln muß.
Der Hebel ist übrigens an den Bogen geschraubt (auch einer dieser kleveren Tüftelleien), damit dieser nicht abfallen kann.

11988248_10153117878068861_803240561963943818_nWie gesagt, das Intonationsverhalten ist Selmerlike. Alternative S-Bögen sind immer so ein Thema, manchmal stimmt er nicht so gut wie der Originale, manchmal verbessert er sie sogar. Erste Modelle der Bögen waren etwas länger, weshalb diese für einige Spieler etwas tief gewesen sein könnten. Ich habe selber eine recht tiefe Grundintonation, weshalb ich bei 443Hz mit dem Mundstück schon fast am Anschlag bin. (ist aber nur für die Klassiker relvant, für die der Bogen eh nicht so interessant) Dennoch habe ich auf meinen Saxophonen von 440 bis 443Hz eine ausgewogene Intonationskurve. Auch keine Auffälligkeiten bei den Oktavklappenwechseln.

Aber wie wirkt sich nun das Carbon im Unterschied zu Metall spielerisch aus?
Da Carbon leichter UND härter ist, schwingt es schneller und mit weniger Energieverlust. Das merkt man vor allem in der Ansprache, die bedeuten leichter ist. Über das ganze Register bis hin zu den tiefen Tönen, die merklich leichter Ansprechen. Auch das Flageolett springt deutlich besser an und man hat eine höhere Trennschärfe bei schnellen Tonläufen.
Soundtechnisch öffnen sich die Obertöne, sie werden freier, also etwas heller, lauter, mit mehr Projektion, aber ohne Spitz zu werden. Die Resonanz des Kerns wird ebenfalls kräftiger. Nur in den Mitten verliert man etwas Farbe, was nicht verwunderlich ist, da diese oft von der „Trägheit des Materials“ her rührt (weshalb Instrumente mit höherem Kupferanteil oft lyrischer klingt als welche aus Gelbmessing).
Soundfarbe ist immer Geschmackssache. Ich habe auch schon Saxophonisten gehört, bei denen mir der Bogen nicht wirklich besser gefallen hat.
Eine leichtere Ansprache gefällt vielleicht auch nicht jedem Profi, die ja gerne auch mal einen höheren Blaswiderstand bevorzugen. Mir geht es aber gefühlt so, dass ich mehr Output bekomme für den Input den ich reinstecke. Objektiv ist es ein Soundboost. Den Bogen zu spielen macht einfach irgendwie Spaß!
Tatsächlich konnte/mußte ich auch bei meinem Blättern eine halbe Stärke höher gehen, was sich für meinen Sound als durchaus vorteilhaft erwies.
Spannend kann dies in Kombination von Saxophonen sein, die eh schon eher schwerer ansprechen oder auch für noch nicht ganz so fortgeschrittene Spieler, denen so das Spielen erleichtert wird.

11954774_10153117878103861_4555460787208407423_nDas bringt uns jetzt zur finalen Frage, ist das nun das Geld wert? Puh, eine nicht ganz so leicht zu beantwortende Frage. Sagen wir es mal so, damit ein Jupiter Schülerinstrument aufzupimpen lohnt sich vielleicht nicht, aber andererseits habe ich den Testbogen nicht mehr hergeben wollen und ich habe ihn trotz meinem Endorsement bei Forestone leider nicht umsonst bekommen.
Seit dem ich einen Blick hinter die Kulissen habe, weiß ich auch, was Produktionskosten, Zölle, Händer- und Vertriebsmargen am Schluß ausmachen. Lasst euch gesagt sein, von dem Bogen wird keiner der Beteiligten reich. Also rein materiell ist er auf jeden Fall wert.
Andere Saxophon Bögen (z.B. Gloger, Schucht) kosten auch einige Hunderter (oder mehr).
Es ist eine halt subjektive Frage, wie viel einem der Soundunterschied wert ist. Es gibt Saxophonisten, die geben soviel Geld auch für ein Mundstück aus. Und wenn man schon ein geniales Mark VI hat und der Bogen nochmal einen drauf setzt und man das Geld hat, why not?
Übrigens gibt es bei einigen Fachhändlern, die die Forestone Saxophone führen auch die Option dieses mit einem Carbon Bogen zu erwerben.
Der Forestone Carbon Neck bringt auf jeden Fall eine extrem gute Leistung, die so sonst von nichts anderem geboten wird.
Aufgrund der Produktionsmengen ist es eh ein exklusives Accessoire und der Bogen ist auffällig genug, damit das auch gesehen wird.
Wer etwas mehr Infos zum Thema Carbon und dessen Vorteile beim Instrument sucht, wird auf der sehr guten daCarbo Website fündig.

http://www.forestone-japan.com/

http://www.dacarbo.ch/

2 Gedanken zu „Carbon-Power

  1. Hallo Tobias,
    schön, wieder etwas von Dir zu hören.
    Interessante Bögen. Sehen echt cool aus.
    Für mich als Bari-Spieler nicht so interessant. Und mein Amati-Alto kostet weniger, als der Koffer, in dem es liegt 🙂
    Bin gespannt, ob sich die etwas breiter durchsetzen, oder doch nur ein Randprodukt bleiben.

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