Ganz unverhofft fand ich heute diesen Test von Markus Zaja zu einem speziellem Vintage Saxophon in meinem Postkasten. Ich bin sehr froh, dass er für diesen Text noch Zeit gefunden hat, da nun eben erst seine Konzertreihe evening sonx in Essen begonnen hat. Das Objekt der Betrachtung finde ich besonders Interessant, da es in unseren Breitengraden eher eine Rarität auf den Bühnen der Jazzclubs ist:
Ein altes Schätzchen, hierzulande fast unbekannt: das Tenorsax Grassi, versilbert, vermutlich irgendwann in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts in Italien erbaut. Ida Maria Grassi war bis zur Firmenschließung im Jahre 2000 die einzige kleinere Instrumentenfirma, die als Familienbetrieb von einer Chefin geleitet wurde. Der Betrieb wurde dann geschlossen, weil Frau Grassi den wohlverdienten Ruhestand genießen wollte .
Jahrzehntelang galten viele Grassis in den Mittelmeerländern und den USA als sehr solide gearbeitete all-round Instrumente, die besseren Serien als härteste Mark6 Konkurrenten. Man behauptete, einen eigenen Sound zu haben, und genau das stimmt auch! Da es keinen Vertrieb nördlich der Alpen gab, blieben Grassis hierzulande fast unbekannt und es gibt noch immer wilde Spekulationen über Seriennumern und Baujahre, Modellreihen und Extras.
Kurz gesagt, die charmanten Hörner mit dem frechen grünen G auf dem S- Bogen ( genau, es ist ein G ! ) sind nichts für zimperliche Anfänger, die ein styliches Vintage suchen, daß ihnen den dicken Ton verleiht – für den nicht ohne Grund Berufsmusiker hart arbeiten.
Wer also die Mühe eines soliden Saxophonlernens nicht scheut, wird bei einem Grassi mit einem sehr voluminösen Ton und enormer Projektion belohnt, die nicht vermuten lassen, man spiele ein no- name Hinterwältlerhorn – im Gegenteil.
Das kostet etwas Arbeit: gründliche Tonstudien sind empfohlen, um den etwas höheren Blaswiderstand zu beherrschen. Wer Raschér nicht kennt oder diesen großen Namen für eine Pralinenmarke hält, braucht gar nicht weiterlesen…
Enge, schreiende Mundstücke mit stufiger Kammer sind ebenfalls ungeeignet. Es wundert nicht, daß Mundststücke nach akustisch – Sax´scher richtiger Konstruktion die besten Ergebnisse erzielen, besonders in der Intonation. Die kleinen Tonlöcher der höchsten Töne fördern einen zentrierten unbrüllenden Klang, ohne daß das Instrument deswegen an Durchsetzungskraft verlöre. Es geht also auch ohne die Selmer-Bratpfannen, die ja mittlerweile ebenfalls Standart geworden sind. Ich selbst erziele sehr gute Töne mit dem hierzulande ebenfalls unbekannten Munstück von Emilio Raganato, dessen dunkler Ton hervorragend zu dem Instrument paßt. Aber auch das neue alte Otto Link New Vintage Slant kann sich hören lassen, es ist etwas schärfer und wird den Big Band Spieler erfreuen.
Allen ist gemeinsam, daß der Ton eine besondere vokale Note bekommt, die nach gründlichem Üben mit dem Vokalklang des Spielers sehr verwandt erscheint, also unbedingt individuell geformt werden kann – und muß.
Der italienische Belcanto läßt grüßen! Ich würde sowieso dringend empfehlen, als Saxophonist einige Jahre Erfahrung im Singen zu haben, am besten in einem Chor. Erst dann werden das Gehör und das menschliche Singinstrument genügend geschult sein, entscheidende Nuancen überhaupt würdigen zu können.
Die Mechanik liegt größtenteils unkompliziert und fühlt sich leichtgängig und angenehm an. Dies wiederum liegt an der sehr wertigen Generalüberholung von Torsten Köhler aus Pinneberg ( www.holzblasinstrumenten-studio.de ) , der durchaus in die Trickkiste greifen mußte um dem alten Instrument das Klappern abzugewöhnen. Dies ist sicher ein Nachteil für Schnäppchenjäger und Leute, die ihre Instrumente noch nicht richtig verstehen.
Die Lage der Drücker für den linken kleinen Finger wird sicher nicht jeden erfreuen, entspricht sie doch von der Wirkung der Hebelwege nicht dem so gerne kopierten Balanced Action Standart, sondern den diversen Vorläufern. Allerdings müßte sich, wer sich darüber beschwert, auch über Büschers und Conns beschweren, da dort die Verhältnisse sehr ähnlich sind.
Das Grassi entlohnt diesen Umstand mit einem grünen Plättchen auf dem Gis, auch die Rollen sind grün – sehr schick !
Ein echtes Problem ist besonders für Unvorsichtige die Lage des Achsböckchens für das tiefe Cis. Dieses steht weit nach links heraus und sorgt für zwei Probleme: schnüsselige, in sich zusammengekauerte Bigbandspieler üben mit der am Bein anliegenden Mechanik auch Druck auf die gekoppelte Gis- Klappe aus, was zu leichtem Offenstehen führt und die bekannten Probleme macht.
Ebenfalls nervig ist es wenn man sich das Böckchen am Stuhl wegkloppt und dann auf tiefere Töne verzichten darf: die simple Hebelklappe ist sicherlich ein Schwachpunkt, auf den man achten muß. Dies gilt auch für Koffer: moderne, für Selmer- Klone gedachte Koffer müssen da entsprechend angepaßt werden.
Die ältliche Mechanik fürs tiefe Cis macht es auch etwas schwieriger, rasche Tonwechsel im Baßbereich zu realisieren: wer dies wünscht, muß verstärkt üben. Und wer Musik spielt, die dies zwingend vorsieht, wird vermutlich sowieso dafür bezahlt …
Die letzte Serie der Grassis, die 2000er Pro, hatte hier entscheidende Verbesserungen, man montierte das Cis wie bei anderen Instrumenten auf derselben Welle am Hauptrohr. Leider sind diese Instrumente in versilberter Variante kaum zu finden, Klarlack- vernickelte gibt es schon ab und zu, allerdings recht teuer. Die Besitzer wissen offenbar Bescheid!
Der Daumenhaken ist fest verlötet, irgendwelche Tuningteile können also nicht angeschraubt werden.
Das ist auch nicht nötig: es genügt, die sinnlose Marschgabelhalterungsschraube zu entfernen, um das Instrument deutlich freier, jedoch nicht schreiender wirken zu lassen.
Wer mal Klarinette spielte, wird auch mit der an sich handfreundlicheren Lage des Oktavklappendrückers keine Probleme haben. Der ältere Baustil verhindertdas Hochziehen des Handgelenkes und die Unerreichbarkeit der Drücker für den linken kleinen Finger. Die Handhaltung ist somit ausgesprochen elegant.
Wer also ein sehr individuelles Instrument spielen will, daß bei guter Pflege jedes moderne Fabrikhorn an die Wand spielt, sollte sich mal ein Grassi anhören und ansehen.
Oder bei Kollege Eli Degibri: www.degibri.com .
Das Beste am Schluß: unrestaurierte Grassis gibts für wenige hundert Euronen.
Einfach Augen und Ohren offenhalten.
Markus Zaja
www.markuszaja.de
Wieder ein sehr schöner Testbericht. Vielen Dank.
Dem aufmerksamen Betrachter dürfte die Corrado Magnitone und die berüchtigten platonischen Körper im Hintergrund aufgefallen sein.
Moin Moin
seit wann schreibst du regelmäßig?
ich spiele seite 2 jahre Sax. wie lange spielst du schon?
LG
Hi Lissy,
das steht hier alles irgendwo auf diesem Blog. Noch viel Spaß beim lesen.
LG
Tobias
Schöne Artikel. Was ich noch gerne wissen würde ist, zu welcher Baureihe das Sax gehört. Also Professonal 2000, Prestige usw
moin,
also das abgebildete grassi ist sehr wahrscheinlich von mitte der 1960er jahr.
bei sax on the web schreibt ein gewisser milandro , allerdings ohne irgendeine quelle zu nennen :
Apparently Grassi started somewhere in 1960 or thereabouts with a SN of 1000 (unconfirmed SN) so SN from 1000 until 27395 mark the period between 1960 to 1974.
die modelle mit 25xxx und 12xxx unterscheiden sich technisch und mechanisch nicht.
wie im bericht beschrieben , ist es kein professional 2000 , da es sich um die eben ältere version mit der cis mechanik handelt, die seitlich herausragt.
gerne hätte ich auch ein professional 2000 versilbert , habe ich aber noch nie gesehen.
die versilberte version war die ältere premium serie.
gruß , markus
Ich habe so ein Saxophon Grassi, so wie du das beschrieben hast im Forum und möchte es verkaufen, hast du eine ahnung, wie teuer ich das anbieten kann
mfG j.henry
Leider nein, auch war ich es nicht der den Artikel geschrieben hat, sondern mein Gastschreiber Markus Zaja.