Testbericht Pierret Alto Saxophon Corps Embouti (von Markus Zaja)

Bevor es nun zur Musikmesse nach Frankfurt geht, wo ich das neuste vom neusten begutachten will, habe ich quasi als Kontrast einen schönen Testbericht zu einem deutlich älterem Saxophon von Markus Zaja bekommen.

Das vorliegende Pierret Altsaxophon aus der Reihe Corps Embouti ist versilbert und stammt aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Damit ist ein etwas 90 Jahre alter Klanggkörper erhalten geblieben, der in Verdacht stehen darf, an den alten Sax´schen Klang stark zu erinnern, entstammt er doch der kleinen Pariser Marke Pierret. Pierret Saxophone sind inzwischen recht gut dokumentiert, wir beteiligen uns hier nicht in aller Ausführlichkeit an den diversen Legenden, außer an einer : nachdem Sax Sohn pleite war und Henri Selmer den Laden aufkaufte, gingen ein Teil der Arbeiter zu Selmer, ein anderer zu Buffet. Dort wurden dann nach altem Muster Sax´sche Saxophone unter dem Namen Pierret gebaut. Falls davon einiges stimmt, ist derjenige gut bedient, der ein Horn im Raschér Sound zu schätzen weiß, und auf amerikanische Plagiate verzichten möchte.. Sollte das alles nur eine weitere Legende sein, haben wir ein extrem gut klingendes und sehr gut intonierendes Klassik- Alto in der Hand, das besonders bei Beachtung einiger Spieltechnicken der alten Zeit nichts zu wünschen übrig läßt und sowohl von der feinen Ästhetik der Fertigung als auch vom Spielgefühl her jedes moderne Horn an die Wand spielt.

Die Klappenlage ist linksseitig, daher ergeben sich beim Drückerfeld für die linke Hand geringste Hebelwege: gut eingestellt und absolut dicht, schließen die Polster auch im geschwinden spiel sofort und machen erstaunlicherweise klar, wieso die alten Klassiker etliche Passagen so schnell spielen konnten: keine Wippe oder riesige Paddel stören den natürlichen Bewegungsablauf der Finger.

Dieser ist besonders elegant, weil die Oktavmechanik – den Klarinetten ähnlich- keinen säbelförmigen Querdrücker wie später bei Selmer hat, sondern einen Drücker, der das Handgelenk in einer natürlichen Position ruhen läßt. Auch bei zügigem Spiel sind keinerlei Bewegungen im Handgelenk nötig, um tiefe Taster , Gis oder Palm Keys zu erreichen.

Wenn man erst einmal diese Handhaltung kennengelernt hat, wird einem die Mechanik der Selmer Clone und Originale ungewöhnlich klobig erscheinen. Dies ist bei allen “echten” Saxophonisten der Fall die sich im leben mal die Mühe gemacht haben, Klarinette zu erlernen : dort geht es gar nicht anders.

In der rechten Hand sind mit dem gut positionierten Daumenhaken ebenfalls keine Probleme fesstzustellen. Leider wurde die Mechaniklage in den späteren Generationen deutlich verändert, das 50er Jahre Tenor Super Artiste spielt sich bedeutend ! unbequemer – später darüber mehr.

Die Stimmschraube am Mundstückkorken ist kein echter Mikrotuner, sondern definiert mit einem einfachen Gewinde lediglich den Anschlag – falls man das überhaupt so einstellen will. Das etwas erhöhte Gewicht am Ende des S – Bogens bedeutet allerdings eine Klangverbesserung. Ich lasse sie also dran, im Gegensatz zu der Marschgabelhalterungsschraube : wird diese entfernt, blüht das Horn stark auf und liefert einen freien Klang, der auch in einer lauteren Kapelle gut mithalten kann.

Wer das nciht glauben will und selber nichts bemerkt bei Tests kann sich immerhin mal überlegen, warum bei alten Schwarz/Weiß Jatz Fotos die geliebten Helden seltenst die Marschgabelhalterungsschraube dran haben – aber bitte niemals ! das M beim Aussprechen vergessen ..

Der Klang ist mit diesem einfachen trick sofort umstellbar von einem eher klassischen Ton zu einem modern- kompatiblen Ton, selbst mit einem weitkammerigen Mundstück und klassischer Bahn genügt ein anderes knalligeres Blatt, um sofort fett und strahlend im Modern Jatz mitzuwuseln. Intonationsprobleme habe ich nicht festgestellt, was sicher auch an der außergewöhnlich sorgfältigen Restauration durch Torsten Köhler in Pinneberg liegt, der sich um die alte Tute liebevoll kümmerte. Die Klappenwinkel fein einzustellen erfordert schon genaueres Nachrechnen über asymptotisch schwingende Kurven und deren Schwingungsbäuche …

Besonders erwähnenswert ist der F-Heber, der offenbar bei diesen Modellen schon “damals” mit dabei war. Andere Modelle dieser Serie und Abbildungen im vielzitierten Saxophonbuch von Jaap Kool zeigen bereits in den 20er Jahren eine solche Mechanik, hier sind auch keinerlei Lötstellen nach der Versilberung erkennbar. Dieser Hebel erleichtert die Flageoletts extrem, und so kann man sich aussuchen: benutze ich die Griffe von Sigurd Raschér und ähnlichen Kalibern, oder folge ich den moderneren Grifftabellen… was aber bei Mundstücken mit Stufe eher gar nicht funktioniert – diese wollen aus guten klanglichen Gründen nicht mit den alten Tröten harmonieren.

Kommen wir nun zum Preis: unrestauriert gibts Pierrets gerne mal für unter 500.- Was das für Freunde eines historischen Klangideals bedeutet, muß nicht weiter erwähnt werden. Zum Glück erleben wir gerade auch in der Saxophon-Klassik eine erste Welle der historischen Aufführungspraxis, was der Musik sehr zugute kommt. Es ist ratsam, den womöglich vermackten Originalbogen zu restaurieren, anstelle Büscher Bögen umzuformen… es sei denn man mag seltene Hybride.

Fazit: nie wieder moderne Misttröten ! Jedenfalls, wenns mal wie früher klingen soll :-D

0 thoughts on “Testbericht Pierret Alto Saxophon Corps Embouti (von Markus Zaja)


    • Moin,
      nicht so ungeduldig, auch ich habe ein reales Leben. Aber nun ist ja was online, mehr folgt die Tage. Aber das nächste mal, wenn es nicht wirklich zum Artikel passt, darfst du auch gerne ins Gästebuch schreiben.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Spam protection by WP Captcha-Free