Klangbeschreibung

Wir Musiker haben oft ein Problem, wenn es darum geht, wenn wir über Klänge reden wollen. Es fehlen oft die richtigen Worte, die das Gehörte angemessen beschreiben. Die Saxophonisten leiden darunter besonders, da diese doch sehr klangverliebt sind und alle auf der Suche nach ihrem eigenen individuellen aber ausgereiften Sound sind. Dabei halte ich es für essentiell Begriffe dafür zu haben, denn wenn man einen Begriff hat, hat man eine geistige Schublade mit der man das gehörte leichter einordnen kann. So entwickelt sich eine genaue Klangvorstellung, welche wiederum für die Entwicklung des eigenen Sounds unabdingbar ist.
Der Klang eines Musikinstrumentes ist min. genauso komplex und vielschichtig wie der Geschmack von gutem Wein. Weinkenner haben aber wenigstens einen anerkannten und gebräuchlichen Wortschatz mit dem sie umgehen können. Den haben Musiker leider nicht.
Die meisten kennen gerade mal hell oder dunkel, warm und weich. Aber wenn man dann mal nachfragt, was denn mit „weich“ gemeint ist, beginnt das Überlegen und oft hört man bei so etwas recht unterschiedliche Definitionen. Aber das ist auch kein wunder, da fast jeder Begriff, bis auf laut und leise, nur behelfsmäßiger Natur und nicht Teil der Akustik sind. Im Grunde sind alles Synästhesien; hell und dunkel beschreiben einen optischen Sinneseindruck, warm beschreibt ein Temperaturempfinden, weich und hart sind ausdrücke für haptisches Fühlen, farbig sind Bilder, voll ist ein Gefäß und breit ist der Alkoholiker.
So ließe sich die Liste beliebig fortsetzen. Es ist also kein wunder, dass wir uns mit der Klangbeschreibung so schwer tun. Ich glaube nicht, dass dieses Blog annähernd die Mammutaufgabe bewältigen könnte, einen einheitlichen Wortschatz zu prägen, dafür wird Musik auch viel zu unterschiedlich wahrgenommen, aber vielleicht macht es dem einen oder anderen bestimmte Begrifflichkeiten klarer oder hilft ihm eine differenzierte Klangvorstellung zu entwickeln.

Persönlich unterscheide ich zudem noch zwischen den beiden Kategorien Klangqualität und Klangfarbe. Oft hört man, dass der Sound ja Geschmackssache sei. Das sehe ich anders. Es gibt einfach Aspekte im Sound die auch ganz objektiv einen guten Sound ausmachen, wie dynamisches Spektrum, Projektion, Klangvolumen. Keiner findet einen dünnen Sound schön. Alles wie hell, dunkel, warm, weich, hart usw, sind nach dem persönlichen Geschmack zu bewerten und fallen unter Klangfarbe. Zum Beispiel klingt das Vollsilbersaxophon von Yanagisawa sehr hell und weich, das absolut nicht meinen Geschmack trifft, aber dennoch finde ich, dass es ein extrem gutes Horn ist, da Projektion und Volumen einfach fantastisch sind.

Klangqualität

dynamisches Spektrum: wie laut und wie leise ein Saxophon kann. Ein ppp ist nicht immer selbstverständlich genauso wenig wie ein müheloses fff.

Volumen: das beschreibe ich gerne als Soundmasse (nicht verwechseln mit Lautstärke), wie groß und schwer ein Sound ist. Das Gegenteil wäre dann ein dünner Sound. Gerade hier wird der Unterschied zwischen Anfänger (dünner Sound) und Profi (voluminöser Sound) deutlich.

Projektion: ist in etwa die Durchsetzungskraft. Auch das hat nichts mit reiner Lautstärke zu tun. Es geht hier um, wie gut man sich gegen andere Instrumente durchsetzen kann und wie weit der Klang trägt. Stellt euch einen etwas weiter entfernten Punkt vor und genau dort hin wollt ihr euren Ton tragen.

Raum füllend: hat auch etwas mit Projektion zu tun. Also wie gut und einnehmend ihr alles um euch rum insgesamt beschallen könnt.

Als Beispiel für Projektion und Raumfüllen kann man eine Opernsängerin anführen, die es schafft unverstärkt mit ihrer Stimme den ganzen Konzertsaal bis zum letzten Platz in der Ecke zu beschallen. Wie das funktioniert, weiß ich leider selber nicht ganz genau. Es hat aber mit jahrelanger Erfahrung, Üben und der richtigen Technik zu tun.


Klangfarbe

hell: ein hoher Anteil an hohen Frequenzen. Schärfe kommt oft mit dazu, muß aber nicht

dunkel: wenig hohe Frequenzen; sehr dunkle Sounds klingen oft gedämpft.

rund: der gesammte Frequenzbereich ist recht homogen. Die Frequenzberge sind auch etwas „breiter“, d.h. einzelne Frequnezen sind nicht deutlich hervorgehoben und raus hörbar. Dies wäre eigentlich schon eine Klangqualität, aber es auch etwas der Gegensatz zu „Charakter“ im Sound, der sich meist eher durch zerklüfteltere Frequenzspektren auszeichnet. Klassische Saxophonisten bevorzugen einen sehr runden Klang.

resonant/sonor: wichtige Frequenzen heben sich deutlich mehr hervor und sind besser zu hören. Gibt oft „Charakter“.

scharf: bestimmte hohe Frequenzen sind deutlich ausgeprägt (hohe, schmale Frequenzberge). Man empfindet den Klang sehr oft als schneidend. Gerade moderne Saxophonisten (Rock, Funk) bevorzugen einen aggressiveren Sound. Hilft sich gegen E-Klampfen durchzusetzen.

warm/weich: oft ist das ein Zusammenspiel aus rund und dunkel (oft und gerne mit vielen Subtones); der sound wird als besonders angenehm empfunden, hat aber wenig härte und kann sich schlecht durchsetzen. Zu übertrieben klingt es sehr schnell nach „Softie“ und kitschig. Im modernen Popbereich, gibt es auch weich und hell klingende Saxophonisten. Diese empfinde ich immer als besonders „schleimig“ (z.B. Kenny G und Captain Cook)

cool: das Gegenteil von warm, weich und schleimig. Geht etwas in die Richtung transparent/klar/straight (s.u.)

hart: das Gegenteil von weich. Oft gefragt im Funk/Rock bereich. Schärfe läuft oft parallel, muß aber nicht.

farbig: wenn der Sound besonders viele interessante Klangnuancen hat

lyrisch: ist sehr nah an warm/weich und farbig hat aber eine gewisse klassische/singende Komponente.

breit: ein sehr ausufernder Sound, der viel im Frequenzbereich abdeckt (breite Frequenzberge), oft geht bei sehr breiten Sounds, der Kern flöten.

schlank/fokussiert: damit ist nicht dünn gemeint, eher elegant. Gerade im klassischen Bereich gern gesehen.

Kern/zentriert: ist nicht gleich schlank und auch nicht unbedingt das Gegenteil von breit. Ein Großteil der Soundmasse ist konzentriert und das wird als Kern bezeichnet. Darum kann sich auch noch viel abspielen. Ein guter Kern ist wichtig für einen prägnanten Sound.

leicht/fluffig: ein Ton ohne schwere, der etwas zu schweben scheint. Also nicht zu dunkel aber mit gewissen Subtones. Man höre Paul Desmond zu.

bauchig: ein ausgeprägter Anteil an tiefen Frequenzen, muß aber nicht unbedingt gleichbedeutend mit dunkel/warm/weich sein.

Glanz: schwer zu beschreiben. Der wird erzeugt noch ein paar schöne Obertöne, ist aber nicht unangenehm wie bei der Schärfe.

Näseln: gewisse nasale Randfrequenzen. Ähnlich wie bei dem Klang einer Oboe. Näseln ist etwas ganz typsiches im französischem Selmersound.

Buzz: so ein gewisses surren und flimmern, dass irgendwie neben dem Eigentlichen Sound stehen zu scheint. Dies ist sehr oft im funkigerem Bereich anzutreffen. Besonders markant finde ich das bei David Sanborn und der Dulfer.

edge: könnte man mit Randschärfe übersetzen. Es ist sehr nahe an „Buzz“. Es sind auch recht hohe Frequnezen, die eine gewisse Schärfe und Durchsetzungskraft haben.

transparent/klar/straight: Wenn im Frequenzspektrum besonders die Obertonreihe herauskommt und nicht zuviel sonstiges Gedöns im Spektrum. Oft sind solche Sounds auch von der helleren Natur. Yamahas sind ein gutes Beispiel für diese Art von Klang. Viele empfinden das eher als Langweilig, wobei es fast schon eine Klangqualität ist.

Rauschen: der Saxophonsound hat oft einen gewissen Geräuschanteil, Frequenzen, die nicht wirklich zum Obertonspektrum des Tons gehören. Dies gibt des Jazzsaxophon oft einen Teil seinens „Soundcharakters“. Zumindest machen sie den Klang eines Saxophones „stimmhafter“. Die beliebten Subtones sind auch eine Art Rauschen. Auf Wiki gibt es dazu einen interessanten Eintrag.

Braun: auch bekannt als brown noise oder brown ton. Klang hat auf den Menschen ja auch immer eine Wirkung und dieser Ton hat eine ganz besondere. Viele halten es ja für eine Urbande Legende, aber ich habe schon einige „Saxophonisten“ gehört, wo es mir eigentlich so ging.

charaktervoll: ich mag diesen Begriff nicht, da „Charakter“ für vieles und nichts steht. Er ist jedoch das Hauptargument vieler Vintagefans. Vielleicht mögen die älteren Kannen mehr davon haben, haben dafür aber in der Regel weniger Klangqualität als ein modernes Profihorn, wie z.B. ein „langweiliges“ Yamaha. Ich meine, dass manchmal „charakter“ eher „Störgeräusch“ ist. Ich persönlich bin der Auffassung, dass es erstmal wichtiger ist, gut zu klingen als charaktervoll. Ich kenne einige Fälle, wo die „saxophonisten“ besonders „charaktervoll“ klingen, man denen aber überhaupt nicht zuhören kann und will.

Das waren natürlich  nicht alle Begriffe, die so verwendet werden und leider ist es auch fast unmöglich dieses alles wirklich adäquat zu beschreiben, aber ich hoffe dennoch, dass ihr euch etwas drunter vorstellen könnt. Eine weitere Problematik ist, dass oft manchmal ähnliches meinen bzw. sich überschneiden; die Begriffe sind oft etwas schwammig und zuletzt interpretiert die auch jeder immer etwas anderes. So sind auch die hiesigen Beschreibung meine subjektive Wahrnehmung. Wahrscheinlich werde ich hier gelegentlich mal etwas ergänzen oder umschreiben.

Auch muß ich nochmal betonen, dass viel von der Klangfarbe auch mit der Spieweise zu tun hat. Es ist nicht so, dass nur der gehaltene Ton (also was man als Frequenzspektrum gerne misst) den Klang ausmacht. Schneidet man Anfang und Ende eines Tones weg und würdet man ihn so euch vorspielen, ihr wärt überrascht, was da alles im Klang fehlt. Man könnte keinen Spieler wieder erkennen. Gerade wie der Ton angespielt wird macht viel aus. Man kann einen Ton sanft und weich anspielen oder sehr hart. Das hinzufügen von Subtones, Vibrato usw. ist auch Spieltechnik.

Also die Moral von der Geschicht ist mal wieder: Wenn ihr einen persönlichen und guten Sound entwickeln wollt, hilft leider nur Üben, Üben und nochmals Üben…

5 Gedanken zu „Klangbeschreibung


  1. ein guter versuch die physik in poetische worte zu fassen : wesentliche klangwirkungen hängen lediglich vom mensurverhältnis des instrumentes ab , die feinheiten gibts es zwar , aber die gute mensur ist meßbar und entscheidet die sunbjektiv empfindbaren unterschiede .

    der schlußsatz ist der beste !

    😀


  2. Toller Blog.Respekt für soviel Schreibarbeit. Besten Dank, als Anfänger sicher jedem zu empfehlen.

    Zum Thema tragende Singstimme hier ein Verweis (Sängerformant)
    http://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%A4ngerformant

    Vielleicht noch eine Anregung zu diesem Artikel: Mehr Klangbeispiele von Saxophonen wären sehr interssant, wie der eine Bezug auf das 82Z

    Gruß Andreas


  3. Tja, der Yamaha Bezug ist der einzige der sich anbietet, ansonsten ist das eine ganz Sache die ich nicht machen möchte. Man kann bei den meisten Saxophonen nicht sagen, dass klingt so und das andere so. Ist immer eine sehr relative Sache. Genauso halte ich Klangbeispiele für selten aussagekräftig. Bei jedem Spieler klingt das Equipment anders. Man müßte eine große Vergleichsreihe machen und das ist ne Menge Arbeit und so viele Saxophone/Mundstücke habe ich nicht.


  4. Herzlichen Dank für die kompetenten Ausführungen. Ich habe viele Beiträge gelesen sie haben mir als Amateur viel Neues gebracht. Und trotzdem, am Schluss sieht man vor lauter Bäume den Wald nicht mehr. Könnte man ev. bei der Auflistung der oft zahlreichen Einflussfaktoren ( z.B für die Erzeugung des Sounds, mpc-Typologie, etc) ein Gewichtung vornehmen. So dass man weiss ob der Einfluss marginal (und dadurch fürs erste vernachlässigbar) oder essentiell ist? Mir ist bewusst, dass wir in einem komplexen Bereich sind anderseits hat die Klangerzeugung, dessen Uebermittlung und schlussendlich der Empfang (Hörer) viel mit Physik zu tun also einer präzisen Wissenschaft.
    Unser Autor hat offensichtlich wenig übrig für den singenden Sound und trotzdem, der Sax wurde sicher nicht nur für’s Jazzen und Röhren( bei allem Respekt) erfunden. Auch ein tragend singender Sound z.B. der Glenn-Miller-Band muss sich nicht verstecken. Nun meine Frage(eines Amateurs) wie bringe ich meinen Sax zum Singen?
    Nochmals vielen Dank

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