Taiwan Saxophon süßsauer – alles nur eine Soße?

In meinem ultimativen Saxophonanfängerguide hatte ich das Thema Taiwansaxophone schon angeschnitten. Der Saxophonmarkt wurde in den letzten Jahren von guten Hörnern aus Taiwan mit gutem Preisleistungsverhältnis überschwemmt. Aber bei der Masse an Marken fällt es schwer, die Hörner auseinander zu halten. Tatsächlich sehen sie sich nur mehr als ähnlich. Wie das kommt, wollte ich jetzt mal genauer unter die Lupe nehmen. Allerdings ist dies keine gründliche journalistische Recherche, weil ich mir erstens den Trip nach Taiwan nicht leisten kann und zweitens weil es nicht wirklich viele Infos durch die Firmen über dieses Thema gibt. Aber wahrscheinlich ist das gewollt.

Denn wer sich mal die Saxophone der verschiedensten Marken mal genauer anschaut entdeckt verwunderliches. Nicht nur, dass bestimmte Features wie Doppelarme und so Zeugs irgendwie bei allen auftauchen, man findet oft sogar gleiche Bauteile. Eigentlich müßte das den Firmen doch peinlich sein, oder? Ist das also nicht nur Einbildung, dass man eigentlich nur das gleiche Saxophon hat nur mit anderen Namen drauf? Wie kommt das? Zumal immer wieder behauptet wird, dass die nicht in der gleichen Fabrik gebaut werden.

Nun, das stimmt so auch nicht, also nicht ganz. Aber vielleicht sollte man von vorne anfangen.
Seit den 60ern beliefert Taiwan die Welt mit günsitgen Saxophonen. Zeitweise kam jedes dritte Instrument von der Insel. Um genauer zu sein, sogar aus einer Stadt (bis auf Jupiter, die wohl in der Tat eine eigene Fabrik in Taiwan haben). Bei dieser 50.000 Einwohner großen Stadt handelt es sich um Houli.

Allerdings stehen da nicht ein paar große Firmen rum, sondern mehrere familienbetriebene Manufakturen. Nachdem nun aber die Chinesen mit noch billigeren und in riesigen Massen produzierten  Saxophonen den Markt eroberten, mußten sich die Houlianer Umorientieren, den der ein oder andere Familienbetrieb ging in der Zeit pleite.
Die Antwort war Qualität. Sie hatten über die Jahre nun auch so manch Erfahrungen angesammelt, als sie für diverse große Marken gebaut hatten. Anfang der 00er Jahre kam dann die amerikanische Firma „Cannonball“ und wollte professionelle Instrumente dort günstig Bauen lassen. Sie hatten ein paar gute Ideen und Konzepte mitgebracht.
Und da es in diesen Breitgraden manchmal mit dem Copyright nicht ganz so genau genommen ist, dachte man, warum dass nicht auch auf andere Saxophone so bauen. Plötzlich gab es eine Flut von BigBellhörnern, mit Doppelarmen, Gisklammern, Nickelfinishes die man eigentlich von „Cannonball“ kannte. Nur kosteten diese um die 500Euro weniger.

Die bekannteste Taiwanmarke ist wohl P.Mauriat. Klingt nicht wirklich taiwanisch. Das kommt daher, dass man sich den Namen gekauft hatten. Der Paul Mauriat war so eine Art französischer James Last. Am Anfang stand noch sehr groß „Paris“ unter dem Firmenlogo und auch auf den Saxophonen. Das hat sich nun aber geändert und mit der Marktakzeptanz von guten Saxophonen aus Taiwan, sagt man inzwischen sehr selbstbewusst, wo die Hörner herkommen.

Inzwischen gibt es eine Reihe Firmen die aus Taiwan kommen, dort fertigen lassen, oder einen Großteil der Arbeit da machen lassen: Cannonball, P.Mauriat, Brancher, System54, Expression, LeMonde, Sequoia, Jupiter und noch viele mehr. Dennoch wie kommt es zu diesen baulichen Ähnlichkeiten.
Das liegt daran, dass es wohl immer noch mehrere Manufakturen (nicht mehr so viele wie früher, aufgrund des Chinabooms), die sich auf bestimmte Arbeitsschritte spezialisiert haben. Die einen klöppeln Korpusse, andere gravieren, der nächste baut die Mechanikteile, einer galvanisert nur und irgendwer baut alles zusammen. So ist es nicht verwunderlich, dass genau die gleichen Teile auf Cannonball, Brancher und System54 Hörnern zu sehen ist. Sie kommen aus der derselben Manufaktur. Das macht aber irgendwie auch Sinn, weil man so kostengünstig an die Teile kommt.
Ich glaube auch nicht, dass ausländische Firmen da wirklich selber durchblicken. Viel wahrscheinlicher ist es, dass es dort geschäftstüchtige Mittelsmänner gibt, die alles organisieren.
Das heißt nicht, dass alle Taiwanhörner eigentlich das gleiche Modell sind, nur sind viele (gerade die BigBell) Saxophone nicht soo unterschiedlich. Kein Wunder, dass man da die Übersicht verliert.
Jedoch gibt es auch merkliche Unterschiede in der Qualität. Ich persönlich hatte immer das Gefühl, dass die Mechanik von Cannonball härter sei, als bei anderen Taiwanesen.
Es gibt auch Features einiger Marken, die sie deutlich von anderen abheben. Sequoia ist die einzige Marke mit die mit einzelen Säulchen statt Rippen zur Befestigung am Korpus arbeitet oder Brancher hat revolutionäre Resonatoren, wodurch sie sich klanglich sehr abheben.
Bei P.Mauriat gibt es eine Reihe neuer Modelle, die definitv neue Wege gehen und keine Kopien sind. Nun ja, wenn man Neuauflagen von Vintagesaxophonen mal nicht mitzählt.

Ich weiß nicht, ob das eigentlich alles so korrekt ist, aber andererseits sorgen die Taiwanhörner für frischen auf dem Saxophonmarkt. Denn nüchtern betrachtet war der vor 15 Jahren doch noch relativ langweilig. Da gab es Selmer, einige kauften auch Keilwerth und die Japaner klangen ja „soo langweilig“.
Und es gibt jetzt viele gut klingende Hörner zu erschwinglichen Preisen. Und so ein BigBell Horn in Vintage Optik mit Sepzialirgendwas-Neck mit krassem Case macht doch mehr her, als so ein Schüler Yamaha 32-E mit langweiligem Standardkoffer, oder?

Hier noch ein paar Quellen, damit sich jeder selbst ein Bild machen kann über Houli:

 

Quelle auf deutsch:
http://taiwanreview.nat.gov.tw/fp.asp?xItem=25526&CtNode=293
Hier noch ein alter Artikel von Klaus Dapper, an dem man sehen kann, was sich in der Zwischenzeit so getan hat
http://www.saxophon-service.de/online/da9707x7.htm

Weitere englische Quellen:
http://www.taipeitimes.com/News/feat/archives/2003/07/06/2003058322
http://taiwanreview.nat.gov.tw/ct.asp?xItem=24481&CtNode=128
http://www.taiwanembassy.org/US/NYC/ct.asp?xItem=29689&ctNode=3483&mp=62&nowPage=2&pagesize=30
http://www.npr.org/templates/story/story.php?storyId=19234329
http://www.taiwantrade.com.tw/MAIN/resources/MAIN/EN/S0/industry/music20080118.htm
http://webbbs.mingdao.edu.tw/~foo/www4/b1-1.htm

PS: Vielen Dank für an Billy für die gründliche Recherche der Quellen

4 Gedanken zu „Taiwan Saxophon süßsauer – alles nur eine Soße?


  1. als einer der ersten jupiter sopran spieler in deutschland ( lang ists her ) und sequoia frühst user incl. dem gesamten balbla darf ich sagen: super artikel !

    wer würde eigentlich auf die vorzüge von toyota mini citroen 1 und open micro ( oder wie die heißen ) verzichten wollen ?

    fast alles wichtige ist gleich.

    😀


  2. Toller Artikel! Einen herzlichen Dank für die Mühe diesen zu posten.
    Aber was wollen wir denn? Individuelle Hörner aus einer Manufaktur die alles komplett selber herstellt und das dann auch zu billigen Preisen? 🙂
    Egal ob Auto, Uhren, Elektronik etc., überall stecken die gleichen Grundkomponenten drin. Das ist auch sinnvoll und vieles wird dadurch erst bezahlbar. Ich glaube dem Namen „Taiwan“ ist noch zu sehr das Billig-Image anhängig. Nur eigenartigerweise klingen die Saxophone alles andere als „billig“.
    Zugegeben, es gibt auch Billig-„Schrott“ von dort – aber den erkennt man nun wirklich am Preis und Qualität.


  3. Sehr guter Artikel!

    Als Einer der selbst ein „Tawain“-Horn aus klanglicher Überzeugung nutzt und auch gerne spielt, gebe ich zu bedenken, das die Tawainhörner fast alle super klingen. Aber wir sollten nicht ausser acht lassen, das nicht nur der Klang der Hörner entscheident ist, sondern auch die Halbbarkeit.
    Ich musste vor Jahren mein Jupiterhorn hergeben (obwohl es super klang), weil die Mechanik nach einigen Jahren „ausgenudelt“ war. Ich hoffe die Qualität hat sich da verbessert, aber der Klang war seltens mein einziges Kriterium.


    • Die Langlebigkeit dieser Hörner muß sich erst noch beweisen, sind die Taiwanhörner der aktuellen neuen Qualitätsstufe erst seit ein paar Jahren auf dem Markt. Leider habe ich schon bei ein paar Hörner nicht ganz so schönes diesbezüglich gesehen.

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