Zu Besuch bei Orfeo Borgani

Auf der letzten Musikmesse habe ich Orfeo Borgani kennen gelernt und ich war damals sehr angetan von seinen Instrumenten. Es entstand ein regelmäßiger Kontakt und er lieh mir sogar eines seiner Instrumente für einen Test. Zu dem Test geht es hier lang.
Orfeo hat mich zu einer Werksbesichtigung nach Macerata eingeladen und zufälligerweise war eh ein Familienurlaub ende August geplant, weshalb ich die Gelegenheit natürlich ergriffen habe.

Macerata liegt ungefähr auf Höhe Roms am rechten Rand Italiens. Es ist keine besonders große Stadt, dafür hat sie eine der ältesten Universitäten und liegt bezaubernd auf einem kleinen Berg (bzw. großen Hügel) so dass man an schönen Tagen eine umwerfende weite Aussicht hat.
Wir waren etwas irritiert, als uns das Navi auf der Fahrt nicht in das Industriegebiet sondern immer weiter auf den Berg in eine sehr zentrale Wohnsiedlung lotste. Aber tatsächlich, der Borganibetrieb befindet sich im Herzen von Macerata.

Wir wurden sehr freundlich von Orfeo Borgani und seinem Assistenten Massimo begrüßt. Man erklärte uns dann auch, warum sich sein Betrieb mitten in einer Wohnsiedlung befindet, denn dieser ist hier schon seit über 50 Jahren.
Daß Borgani ein Familienbetrieb in der 4. Generation ist (gegründet 1872) und so einer der ältesten Saxophonfirmen (älter als Selmer) ist, hatte ich schon ausführlicher im Test zu dem Alto erzählt. In diesem Haus ist sogar der jetzige Firmenchef Orfeo geboren worden.

Dort werden auch alle Arbeiten ausgeführt, bis auf das Gehämmere und die galvanischen Arbeiten, um die Nachbarn nicht zu belästigen.
Leider hatten wir nur am letzten Tag Betriebsferien Zeit, weshalb uns nur Orfeo empfangen konnte. Dennoch hat er uns jeden Arbeitsschritt gezeigt und erklärt vom Ausstanzen des Bleches bis hin zum fertigen Saxophon. Dabei macht Borgani vieles etwas anders, als wie man es von anderen größeren Firmen kennt. Aber am besten Fange ich ganz von Vorne an.

Es wird nur das beste Messing verwendet, nach einer speziellen Legierungszusammensetzung, die Borgani durch viele Experimente bestimmt hat und tatsächlich wird JEDES Teil handgehämmert (nicht nur der Becher, wie so oft heutzutage). Orfeo erklärte mir, dass dies essentiell für ein gut klingendes Horn ist und man früher die Saxophone nur so hergestellt hat und wahrscheinlich dies der Grund ist, warum die alten Kannen oft so gut klingen. Denn am Material selber kann es nicht liegen, denn hier hat sich die Qualität in den letzten 70 Jahren deutlich gesteigert.
Interessant fand ich das Verfahren, mit dem Borgani nach dem Hämmern, die Hauptschallröhre glatt und in Form bringt. Das Rohr wird über einen Dorn aufgezogen, und dann würd über das Rohr mechanisch ein Bleiring gezogen (vergleichbar mir dem überrollen eines Kondoms, bloß mit viel mehr Kraft). Der Bleiring weitet sich natürlich und ist danach müll, aber dadurch wird das Messingrohr glatt und die Metalldicke des Bleches ist schön gleichmäßig.
Zur Demonstration nahm Orfeo ein fertig bearbeitetes Rohr und schlug es wie eine Glocke an. Tatsächlich hörte man einen schönen reinen Klang, der angenehm nach klang. Da ahnt man schon, dass hieraus später ein gutes Instrument wird.
Der gehämmerte S-Bogen wird zwecks Formvollendung hydraulisch aufgeblasen. Leider weiß ich nicht mehr genau, welcher Druck angelegt wird, ich weiß nur, dass ich sehr beeindruckt von der Bar-Zahl war.

Der nächste Schritt ist Tonlöcher stanzen und Kamine ziehen. Hierbei wird drauf geachtet, dass man kein Tonloch durch die noch kaum zu erkennenden Lötnaht gezogen wird, denn das würde das Sax an der Stelle instabil machen. Tatsächlich sollte es also bei jedem Sax eine Längslinie geben, auf der es keine Tonlöcher gibt.
Dann wird poliert. Bis zu 7 mal mit verschiedenen Lappen (die zunehmend flauschiger werden). Für die Vintage-Variante wird die Oberfläche wieder angerauht.
Bemerkenswert ist, dass die Mattfinishes nicht durch eine Politur oder Sandstrahlen zustande kommen, sondern einfach anders galvanisch veredelt werden. Vergoldet ist also nicht gleich vergoldet.

In einer weiteren kleinen Halle werden die Kleinteile hergestellt. In HANDARBEIT. Keine gestanzte Massenware. Jedes Teil hat sogar seine zum Saxophon passende Seriennummer.
Einer der größten Unterschiede zu den meisten anderen Marken ist, dass Borgani die Säulchen der Mechanik einzeln an das Saxophon. Dafür wird eine gruselige Maschine benutzt (siehe Photo), um die Säulchen alle auf die richtige Position zu setzen. Das ist natürlich viel aufwendiger (mehr Zeit, mehr Sorgfallt), als vorgefertigte Rippen draufzuklatschen. Aber durch die einzelnen Säulen kann das Instrument viel freier schwingen und mehr Klangnuancen geben.  Es ist die Extraarbeit also wert.
Die Instrumente, die keine Vintages werden sollen, werden nun galvanisch behandelt (versilbert, vergoldet, usw.) und dann nochmal poliert. Lackierungen gibt es aus Soundgründen nicht. Sehr lobenswert.

Jetzt geht es an das Zusammensetzen. Wieder ungewöhnlich ist, dass sie erst die Mechanik anschrauben und perfekt justieren und dann die Polster einsetzen, während die Mechanik noch drauf ist. Auch das ist wieder recht aufwendig, man könnte doch die Poster vorher einsetzen, bzw. die Mechanik wieder ab und dann die Polster nacheinander reinsetzen (so wie es die meisten SaxDocs machen). Aber das Polstereinsetzen ist eine Wissenschaft für sich, denn einerseits müssen alle Mechanikkopplungen gut zueinander passen, die Klappenaufgänge genau passen und dann müssen die Polster auch noch perfekt sitzen. Hier muß oft, solange der Kleber noch flüssig ist, nachgebessert werden. Zwar mag Borganis Methode sehr frimelig sein, aber so garantiert man, dass die Polster bestmöglich sitzen und das Sax so lange und gut deckt.
Zuletzt wird natürlich alles nochmal gecheckt und probegespielt und fertig das das Borgani Saxophon.

Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen die verschiedenen Hörner nochmal gründlich anzuspielen. Dafür ging es zurück in den Vorführraum in dem an viele Photos berühmter Saxophonisten mit Unterschrift hingen, die schon bei Borgani ein und aus gingen. Da waren Jan Gabreck, Gerry Muligan, Michael Brecker und natürlich Joe Lovano. Und jetzt ich!

Ein Borgani hatte ich ja bereits mal ausführlich getestet (siehe hier), daher wußte ich, was für schöne Hörner mich erwarten. Jedoch zwei Sachen haben mich doch wieder überrascht. Erstens wie groß die Unterschiede zwischen den einzelnen Finishes sind. Einige halten das ja für eine Glaubensfrage oder Voodoo, ich hingegen weiß, dass es tatsächlich einen (auch physikalisch erklärbaren) Unterschied gibt. Aber ich war doch überrascht, wie groß und deutlich die Unterschiede bei Borganisaxophonen ist. Das liegt vielleicht auch daran, dass die Borganis recht dick galvanisiert werden. So bieten sie eine große Klangpalette von weich und gedeckt  bis hin zu hart und funky an. Es lohnt sich also verschiedene Finishes durchzutesten.
Nun mag der ein oder andere meinen, dass liege wie bei Selmer an einer natürlichen Schwankung bei der Herstellung. Das ist aber nicht der Fall, aufgrund der zweiten Sache die mich so überrascht hat. Ich habe auch Saxophone mit dem gleichen Finish im Vergleich gespielt und sie waren kaum unterscheidbar. Das spricht für eine sehr hohe Produktionsqualität.

Eigentlich wollte ich da gar nicht weg, da ich mich natürlich in eine dieser italienischen Schönheiten verkuckt hatte (ich meine natürlich ein Saxophon). Ein Vintage mit mattversilberter Mechanik. Orfeo war so freundlich es mir zurückzulegen und nun spare ich. Daher stehen meine anderen Altsaxophone nun auch zum Verkauf.

Also zuletzt möchte ich mich nochmal ganz Herzlich bei Orfeo Borgani bedanken für die ausführliche Tour und die Nerven die er gezeigt hat, als ich danach zwei Stunden seine Saxophone ausprobierte. Zudem habe ich so einiges über die Produktion von Saxophonen gelernt und an vielen Punkten kann man sehen, wie viel Mühe und extra Arbeit sie in ihr Produkt stecken. Das macht sich leider auch im Preis bemerkbar, aber wer mal ein Borgani in der Hand gehabt hat, weiß, dass die es wert sind.

http://www.borgani.com/

11 Gedanken zu „Zu Besuch bei Orfeo Borgani


  1. klasse bericht !

    super tuten und vor allem : sehr hübsche antike stadt, und das grade in diesem nisseligen november hier in der kulturhauptstadt …

    ich will auch borganisiert werden !!!!!!!!!!!!

    😀


  2. Beim Saxophon unterscheidet sich die Herstellung von Holz- und Blech nicht so sehr.
    Ich habe kürzlich erleben dürfen, wie Tuba und Trompete entstehen (http://blog.blasmusik360.de/miraphone-blechblasinstrumente-baut/), leider ohne Fotos.
    Mit den Klappen wird es beim Sax sicher noch komplizierter als mit der Maschine beim Blech.

    Ich habe den Sax-Blog übrigens in meine Blogroll aufgenommen. Viele Blasmusik-Blogger gibt es ja nicht, und Gute noch viel weniger.


    • Definitv, sind auch schöne Instrumente, jedoch haben sie ähnliche Probleme wie Selmer. (die Endkontrolle ist manchmal etwas schluderig),
      Rampone produziert auch größere Stückzahlen und ist dafür etwas günstiger als Borgani.


  3. Wie siehts im Vergleich aus, sind die Borgani Sax von der Verarbeitung und vom Klang (auserdem noch Haltbarkeit, Spielverhalten) „besser“ als Yanagisawas?
    Ich hatte vor mir ein A992 Zuzulegen, da ein Freund eins hat, und ich sehr angetan vom Klang, der Optik (obwohl ich Vintage Optik lieber habe) und vom Spielverhalten bin.
    Kannst du mit Vergleichen dienen?


  4. Also ich bin da jetzt sehr vorsichtig, da ich Yanagiswa immer nur angespielt und nie intensiv mal eines länger hatte.
    Ich persönlich meine, dass Yanagisawa technisch die besten Applikaturen baut, nichts ist so lange so zuverlässig.
    Borgani ist da etwas italienischer 😉
    Alerdings hatte ich nie so ein geniales kompaktes Mechanikgefühl wie bei Borgani. Das lief einfach ganz rund zusammen.
    Klanglich sind die Yanas schön und sehr homogen, vielleicht etwas glatt. Das kann Vorteil sein, weil man den Klang so formen kann, für manch anderen sind die etwas langweilig.
    Die Borganis gehen etwas in die Richtung der Yanas haben aber mehr Leben. Es hat einen Grund warum, ich mich für Borgani entschieden habe.

    Mit einem 992 machste nichts verkehrt, mit einem Borgani aber auch nicht.


  5. Gut, danke für dir Info 😀
    Eine Frage hab ich noch:
    Was ist bitte der Unterschied zwischen Säulchenschienen, EInzelsäulen und Schienen?
    Die A992 hat ja ne Mechanik auf Säulchenschienen (Laut Thomann), aber ich erkenn keinen Unterschied zu den einzelsäulen, obwohl alle Quellen die ich abgesucht habe, sagen, dass Schienen und Säulchenschienen das selbe sind^^


    • Nun, bei der Bauweise mit Schienen, sind die Säulchen für die Mechanik auf einer Platte vorgelötet und diese wird dann auf das Sax gelötet. Bei der Bauweise mit den einzelnen Säulchen, werden diese wie gesagt einzeln auf das Sax gelötet. Diese Schinenplatte entfällt also. Das hat deutliche Klangwirkung.


  6. Sehr interessante Dokumentation und Bilder.
    Wie kommt man dazu, solch eine Werkstatt zu besuchen? Was muss man da tun? Bzw. was kostet so etwas?
    Würde mich, als Instrumentenbauer und Saxophonist wirklich sehr interessieren..


    • Vitamin B. 😉
      Nee, einfach mal Freundlich die Firma anschreiben. Auch bei Keilwerth habe ich zweimal bei einer Werksbesichtigung mitgemacht. Die Firmen sind aufgeschlossener, wenn man das für eine Werbewirksame Gruppe organisiert.
      LG
      Tobias

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