Zu Besuch bei Orfeo Borgani

Auf der letzten Musikmesse habe ich Orfeo Borgani kennen gelernt und ich war damals sehr angetan von seinen Instrumenten. Es entstand ein regelmäßiger Kontakt und er lieh mir sogar eines seiner Instrumente für einen Test. Zu dem Test geht es hier lang.
Orfeo hat mich zu einer Werksbesichtigung nach Macerata eingeladen und zufälligerweise war eh ein Familienurlaub ende August geplant, weshalb ich die Gelegenheit natürlich ergriffen habe.

Macerata liegt ungefähr auf Höhe Roms am rechten Rand Italiens. Es ist keine besonders große Stadt, dafür hat sie eine der ältesten Universitäten und liegt bezaubernd auf einem kleinen Berg (bzw. großen Hügel) so dass man an schönen Tagen eine umwerfende weite Aussicht hat.
Wir waren etwas irritiert, als uns das Navi auf der Fahrt nicht in das Industriegebiet sondern immer weiter auf den Berg in eine sehr zentrale Wohnsiedlung lotste. Aber tatsächlich, der Borganibetrieb befindet sich im Herzen von Macerata.

Wir wurden sehr freundlich von Orfeo Borgani und seinem Assistenten Massimo begrüßt. Man erklärte uns dann auch, warum sich sein Betrieb mitten in einer Wohnsiedlung befindet, denn dieser ist hier schon seit über 50 Jahren.
Daß Borgani ein Familienbetrieb in der 4. Generation ist (gegründet 1872) und so einer der ältesten Saxophonfirmen (älter als Selmer) ist, hatte ich schon ausführlicher im Test zu dem Alto erzählt. In diesem Haus ist sogar der jetzige Firmenchef Orfeo geboren worden.

Dort werden auch alle Arbeiten ausgeführt, bis auf das Gehämmere und die galvanischen Arbeiten, um die Nachbarn nicht zu belästigen.
Leider hatten wir nur am letzten Tag Betriebsferien Zeit, weshalb uns nur Orfeo empfangen konnte. Dennoch hat er uns jeden Arbeitsschritt gezeigt und erklärt vom Ausstanzen des Bleches bis hin zum fertigen Saxophon. Dabei macht Borgani vieles etwas anders, als wie man es von anderen größeren Firmen kennt. Aber am besten Fange ich ganz von Vorne an.

Es wird nur das beste Messing verwendet, nach einer speziellen Legierungszusammensetzung, die Borgani durch viele Experimente bestimmt hat und tatsächlich wird JEDES Teil handgehämmert (nicht nur der Becher, wie so oft heutzutage). Orfeo erklärte mir, dass dies essentiell für ein gut klingendes Horn ist und man früher die Saxophone nur so hergestellt hat und wahrscheinlich dies der Grund ist, warum die alten Kannen oft so gut klingen. Denn am Material selber kann es nicht liegen, denn hier hat sich die Qualität in den letzten 70 Jahren deutlich gesteigert.
Interessant fand ich das Verfahren, mit dem Borgani nach dem Hämmern, die Hauptschallröhre glatt und in Form bringt. Das Rohr wird über einen Dorn aufgezogen, und dann würd über das Rohr mechanisch ein Bleiring gezogen (vergleichbar mir dem überrollen eines Kondoms, bloß mit viel mehr Kraft). Der Bleiring weitet sich natürlich und ist danach müll, aber dadurch wird das Messingrohr glatt und die Metalldicke des Bleches ist schön gleichmäßig.
Zur Demonstration nahm Orfeo ein fertig bearbeitetes Rohr und schlug es wie eine Glocke an. Tatsächlich hörte man einen schönen reinen Klang, der angenehm nach klang. Da ahnt man schon, dass hieraus später ein gutes Instrument wird.
Der gehämmerte S-Bogen wird zwecks Formvollendung hydraulisch aufgeblasen. Leider weiß ich nicht mehr genau, welcher Druck angelegt wird, ich weiß nur, dass ich sehr beeindruckt von der Bar-Zahl war.

Der nächste Schritt ist Tonlöcher stanzen und Kamine ziehen. Hierbei wird drauf geachtet, dass man kein Tonloch durch die noch kaum zu erkennenden Lötnaht gezogen wird, denn das würde das Sax an der Stelle instabil machen. Tatsächlich sollte es also bei jedem Sax eine Längslinie geben, auf der es keine Tonlöcher gibt.
Dann wird poliert. Bis zu 7 mal mit verschiedenen Lappen (die zunehmend flauschiger werden). Für die Vintage-Variante wird die Oberfläche wieder angerauht.
Bemerkenswert ist, dass die Mattfinishes nicht durch eine Politur oder Sandstrahlen zustande kommen, sondern einfach anders galvanisch veredelt werden. Vergoldet ist also nicht gleich vergoldet.

In einer weiteren kleinen Halle werden die Kleinteile hergestellt. In HANDARBEIT. Keine gestanzte Massenware. Jedes Teil hat sogar seine zum Saxophon passende Seriennummer.
Einer der größten Unterschiede zu den meisten anderen Marken ist, dass Borgani die Säulchen der Mechanik einzeln an das Saxophon. Dafür wird eine gruselige Maschine benutzt (siehe Photo), um die Säulchen alle auf die richtige Position zu setzen. Das ist natürlich viel aufwendiger (mehr Zeit, mehr Sorgfallt), als vorgefertigte Rippen draufzuklatschen. Aber durch die einzelnen Säulen kann das Instrument viel freier schwingen und mehr Klangnuancen geben.  Es ist die Extraarbeit also wert.
Die Instrumente, die keine Vintages werden sollen, werden nun galvanisch behandelt (versilbert, vergoldet, usw.) und dann nochmal poliert. Lackierungen gibt es aus Soundgründen nicht. Sehr lobenswert.

Jetzt geht es an das Zusammensetzen. Wieder ungewöhnlich ist, dass sie erst die Mechanik anschrauben und perfekt justieren und dann die Polster einsetzen, während die Mechanik noch drauf ist. Auch das ist wieder recht aufwendig, man könnte doch die Poster vorher einsetzen, bzw. die Mechanik wieder ab und dann die Polster nacheinander reinsetzen (so wie es die meisten SaxDocs machen). Aber das Polstereinsetzen ist eine Wissenschaft für sich, denn einerseits müssen alle Mechanikkopplungen gut zueinander passen, die Klappenaufgänge genau passen und dann müssen die Polster auch noch perfekt sitzen. Hier muß oft, solange der Kleber noch flüssig ist, nachgebessert werden. Zwar mag Borganis Methode sehr frimelig sein, aber so garantiert man, dass die Polster bestmöglich sitzen und das Sax so lange und gut deckt.
Zuletzt wird natürlich alles nochmal gecheckt und probegespielt und fertig das das Borgani Saxophon.

Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen die verschiedenen Hörner nochmal gründlich anzuspielen. Dafür ging es zurück in den Vorführraum in dem an viele Photos berühmter Saxophonisten mit Unterschrift hingen, die schon bei Borgani ein und aus gingen. Da waren Jan Gabreck, Gerry Muligan, Michael Brecker und natürlich Joe Lovano. Und jetzt ich!

Ein Borgani hatte ich ja bereits mal ausführlich getestet (siehe hier), daher wußte ich, was für schöne Hörner mich erwarten. Jedoch zwei Sachen haben mich doch wieder überrascht. Erstens wie groß die Unterschiede zwischen den einzelnen Finishes sind. Einige halten das ja für eine Glaubensfrage oder Voodoo, ich hingegen weiß, dass es tatsächlich einen (auch physikalisch erklärbaren) Unterschied gibt. Aber ich war doch überrascht, wie groß und deutlich die Unterschiede bei Borganisaxophonen ist. Das liegt vielleicht auch daran, dass die Borganis recht dick galvanisiert werden. So bieten sie eine große Klangpalette von weich und gedeckt  bis hin zu hart und funky an. Es lohnt sich also verschiedene Finishes durchzutesten.
Nun mag der ein oder andere meinen, dass liege wie bei Selmer an einer natürlichen Schwankung bei der Herstellung. Das ist aber nicht der Fall, aufgrund der zweiten Sache die mich so überrascht hat. Ich habe auch Saxophone mit dem gleichen Finish im Vergleich gespielt und sie waren kaum unterscheidbar. Das spricht für eine sehr hohe Produktionsqualität.

Eigentlich wollte ich da gar nicht weg, da ich mich natürlich in eine dieser italienischen Schönheiten verkuckt hatte (ich meine natürlich ein Saxophon). Ein Vintage mit mattversilberter Mechanik. Orfeo war so freundlich es mir zurückzulegen und nun spare ich. Daher stehen meine anderen Altsaxophone nun auch zum Verkauf.

Also zuletzt möchte ich mich nochmal ganz Herzlich bei Orfeo Borgani bedanken für die ausführliche Tour und die Nerven die er gezeigt hat, als ich danach zwei Stunden seine Saxophone ausprobierte. Zudem habe ich so einiges über die Produktion von Saxophonen gelernt und an vielen Punkten kann man sehen, wie viel Mühe und extra Arbeit sie in ihr Produkt stecken. Das macht sich leider auch im Preis bemerkbar, aber wer mal ein Borgani in der Hand gehabt hat, weiß, dass die es wert sind.

http://www.borgani.com/

Eine italienische Schönheit namens Borgani

Borgani?! Dieser Name stößt hierzulande eher auf Unkenntnis. Da kommen Kommentare wie “Waren das nicht die Bösen bei Star Trek?” ; höchstens vielleicht noch “Spielt der Joe Lovano nicht sowas?”. Auch ich wurde erst per Zufall auf der letzten Musikmesse darauf aufmerksam und war mehr als angetan. Seit dem konnte ich kaum noch warten, so ein Teil mal gründlicher unter die Lupe nehmen zu können. Nun habe ich so ein Schmuckstück endlich da und möchte es gerne meinen Lesern vorstellen. “Gestatten, diese besondere Schönheit heißt Borgani”.

Um wirklich erklären zu können, warum es sich hierbei um etwas besonderes handelt muß ich wahrscheinlich ganz vorne Anfangen. Und zwar im Jahre 1872 in einem Dorf Mittelitaliens namens Macerata. Genauso könnte auch eine schöne Urlaubslektüre beginnen, aber so fängt die Geschichte des Famlienunternehmes Borgani an. Der Gründer Augusto Borgani schickte seinen Sohn Arturo in die Staaten um bei Conn zu lernen. Das Familien Geschäft wurde  von da an immer an den Sohn weiter gereicht. In den 50ern expandierte Borgani dann weltweit und fertigte für die Masse (leider auch mit dementsprechender Qualität). Aber gegen die asiatische Konkurenz hatte man natürlich kaum eine Chance, weshalb es – wie bei den anderen italienischen Herstellern – sehr ruhig um Borgani wurde. In den 80zigern wurde das unternehmen nun an die 4. Generation Borgani weiter gereicht und Orfeo Borgani besinnte sich auf die alten Werte zurück und produziert jetzt nur noch nach alter Tradition vollkommen handgearbeitete Saxophone für das Profisegment.
Nur nebenbei, damit ist Borgani eine der ältesten Saxfirmen. Sogar noch älter als Selmer.

Zum Testen hat mir Orfeo das Instrument zugeschickt, dass ich bereits auf der Messe in der Hand hatte. Ein Altsaxophon 24k vergoldet und Sandgestrahlt. Diese Finishvariante wird bei Borgani “pearl gold” genannt. Modellbezeichnungen gibt es dort nicht wirklich, weil es halt nur eines gibt. Keine Schülersaxophone, keine Nachbauten keine sonstiges irgendwas Marketinggedöns. Auch bemerkenswert finde ich, dass es aus qualitativen und soundtechnischen Gründen keine lackierten Instrumente gibt. Dieser Ansichten habe ich eh schon lange und freue mich, dass das ein Hersteller endlich mal konsequent umsetzt. Von Borgani gibt es nur Altos, Tenöre und Sopranos in unlackiert, versilbert und vergoldet (24K) und diese auch noch in einer “Pearl”-Variante (mattoptik durch Sandstrahlung). Die Sopranos haben den Clou eines austauschbaren Schallbechers (siehe Messebericht). Tenor und Alt wahlweise mit oder ohne Hoch-Fis oder mit angelötetem Schallbecher (bessere Resoanz, jedoch komplizierter beim Zerlegen).

Das Instrument kam in einem soliden kleinen Formkoffer. Das Teil kommt aus dem Hause Bam, aber keine Angst, das steht nicht drauf, stattdessen wird es verziert durch das elegante Borganiemblem. Die zwei Farbenoptik verleiht dem Teil einen edlen modernen Pfiff. Angetan war ich besonders vom Trageriemen. Da hat sich jemand mal Gedanken gemacht. Witzig finde ich das “Geheimfach”. Allerdings etwas ungünstig gelöst, da man als Deckel eine Plastikschale verwendet, die formtechnisch nicht ganz zum Borgani passt. Da ist nach meinem Befinden zu wenig Spielraum zum Instrument. Da es ein Formkoffer ist, ist halt kaum Platz für sonstiges Gedöns, dafür ist das Case aber auch sehr handlich. Sonstiges Zubehör ist nur noch ein Gurt und ein Wischtuch.

Nun zum Instrument. Ich habe mir diese Finishausführung zum testen extra gewünscht. Ich glaube nicht, dass die Bilder wirklich wiedergeben, wie schön das matte Gold aussieht. Außerdem finde ich es klanglich gut. Zuletzt ist Gold korosionsbeständig und läuft nicht wie Silber an.
Die florale Gravur ist schick und edel, kommt aber unter der Vergoldung nicht sehr hervor. Schade.

Schauen wir uns doch mal das Sax genauer an.
Der Schallbecher ist eher schmalerer Natur und ist merkwürdigerweise eher links orientiert. Der S-Bogen hat auch eine etwas ungewöhnliche Form. Er erinnert mich stark an echte Vintage-Instrumente (nicht so Youngtimer wie das Mk VI). Etwas mehr aufgerichteter und länger. Gernerell wirkt das Sax optisch schlanker.
Die vergoldete Mechanik macht einen sehr soliden Eindruck. An ihr sieht man besonders, dass es sich um reine Handarbeit handelt. Alles ist wirklich jeweils für das eine Saxophon angepasst. Dadurch hat man beim spielen ein so rundes und flüssiges Gefühl, wie ich das sonst kaum kenne. Dagegen wirken viele Asiaten nur eckig und kantig. Der Federdruck ist für mich angenehm (also nicht schlaff); nur die Mechanik des linken kleinen Fingers ist verhältnismäßig zu stark eingestellt.
Generell scheint hier alles runder. Viele Streben und Arme sind elegant um das Sax geschwungen. Keine geraden Winkel wie man es sonst kennt. Auch das ist einer der Gründe, warum dieses Sax so aus der Masse heraus sticht. Allerdings mußt man auch sagen, dass diese Individuelle Fertigung sich auch selbst bedingt. Denn es gibt so ein paar “italienische Eigenarten” die an sich nicht ganz so korrekt sind, aber nonchalant korrigiert werden. Z.B. sitzt die Oktavklappenhülse des S-Bogens nicht wirklich mittig sondern rutschte etwas nach links. Dem Sound tut das keinen Abbruch, aber das ist wohl Teil des besonderen italienischen Charms. Daher ist jedes Instrument ein echtes Unikat (aber nicht so wie bei Selmer).
Natürlich handelt es sich bei den Inlays um echtes Perlmut. Beim Bb-Drücker (linke Hand) ist jedoch das Perlmut verschwunden. Mir sagt das zu. Die Gis-Klappe fällt auch irgendwie raus. Sonst ist der Arm ja immer oben auf die Klappe angelötet. Hier nicht. Wie ein großer Tropfen hängt die Klappe am Hebel.
Die Stützstrebe der linken Kleinfingermechanik geht etwas schräg nach unten, was für eine noch sichere Stabilisierung sorgt. Merkwürdig ist auch die Schraube am Daumenhaken. Um diese zu lösen brauch man anscheinend einen extra Schraubenzieher. Warum?
Durch all diese kleinen Unterschiede und die runden Arme wirkt die Mechanik als wäre sie an dem Saxophon eher “festgewachsen” als montiert.
Bemerkenswert ist, das die Mechanik auf einzelnen Säulchen montiert ist und nicht auf vorgefertigten Schienen. Diese wurden von Selmer (wem sonst?) eingeführt und erleichtern die Montage. Das führt aber auch zu einem “engeren” Klang. Durch die einzelenen Säulchen kann das Sax jedoch freier Schwingen, was sich sehr auf den Klang auswirkt (aber dazu kommen wir noch später). Leider machen das ansonsten nur noch wenige andere (u.a. Keilwerth und Sequoia) das so.
Was ich persönlich sehr schade finde, ist, dass es so gut wie keine Einstellschrauben gibt. Nur das nötigste, ist mit einem Schraubenzieher verstellbar. Rechte und Linke Hand Kopplungen sowie alle anderen Klappenaufgänge sind per Kork eingestellt. Das ist zwar eigentlich eine Geschmacksfrage, aber für mich mach anderen Hobbytüftler ist es mit Schrauben leichter, schnell mal selber Korrekturen zu vollziehen.
Ausgesuchte Pisoni Pads, Filze, Federn und Schrauben scheinen von genauso hoher Qualität zu sein, wie der Rest. Schade nur, dass die Daumenauflage der linken Hand noch aus Plastik ist. Passt meinem Epfinden anch nicht zum Rest des Bildes.

Also man man sieht an allen Ecken und Enden, dass die Borganis wirklich traditionell und komplett per Hand gefertigt werden. Da muß ich auch nicht noch extra erwähnen, dass Schallbecher und Co. handgeklöppelt sind; auch andere Werbeargumente von anderen Firmen sind hier quasi eine Selbstverständlichkeit. Daher werden allerdings auch nur um die 300 Borganis pro Jahr gebaut. Meines Wissens ist Borgani eine der letzten Firmen, die noch so produzieren.

Ansprache ist gut und ausgeglichen. Hat einen gewissen Widerstand, so wie die meisten Profis es bevorzugen. Die Intonation entspricht dem sonstigen Qualitätsniveau. Mir ist nur aufgefallen, dass die Palmkeys ab dem e”’ etwas nach oben tendieren, aber das läßt sich leicht durch einen etwas verringerten Klappenaufgang korrigieren. Ansonsten erfüllt es sogar Klassikerbedürfnisse. Auch der Klang ist sehr homogen. d’ und d” klingen schön voll. Nur das a” ist manchmal minimal stumpfer.

Kommen wir nur zum Klang. Zwei Wörter würde es ausreichend beschreiben: “einfach schön”. Ich wüßte nicht womit ich das Borgani jetzt direkt vergleichen könnte, weil es doch einen sehr eigenen Klang hat. Nicht so kernig und näselnd wie man es von Selmer kennt. Rund, warum, voll und sehr farbenreich. Das liegt wahrscheinlich mit an der Konstruktion mit den einzelenen Säulchen.
Persönlich mag ich auch den Klang von Vergoldungen. Der Ton wird konkreter und strahlt mehr ohne dabei so hell und klar zu werden wie eine Versilberung. Sandstrahlungen macht den Sound meist ein wenig obertonreicher/strahlender.
Da nun der Klang recht rund und warm ist, mischt er sich gut in Sätzen ein, das heißt aber auch, dass es nicht so ideal dafür geeignet ist gegen E-Gitarren zu kämpfen. Für diejenigen, die einen lauten, schrillen und rabiaten Sound suchen, gibt es also wahrscheinlich passendere Kandidaten. Diejenigen, die es gerne mal auch lyrischer mögen, werden das Teil lieben. Dadurch kann es gerade für Klassik ein faszinierendes Instrument sein.
Dennoch halte ich es für ein sehr flexibles Horn. Mit der richtigen Setupwahl geht auch Bigband und Funk genauso gut und für die meisten Jazzbereiche bietet das Borgani eine interessante Klangvariante. Und für die ganz extreme Lautstärken gibt es ja heutzutage Mikrophone und Lautsprecher.
Vielleicht ist das der italienische Sound. Zumindest habe ich keine Probleme mich bei dem Klang in Urlaubsstimmung beim Sonnenuntergang und einen italienischen Rotwein an der mediteranen Küste vorzustellen.
Kurz, kein Ferrari, sondern eher ein Lamborgani.

Tja, warum ist dann Borgani hierzulande ein so unbeschriebenes Blatt? Das liegt wohl daran, dass Borgani noch keinen deutschen Vertrieb hat. Erst jetzt sind Borganische Instrumente hierzulande erhältlich. Der Berliner Mike Duchstein von www.saxophon-service.de hat nun ein Satz im Vintage Finish (unlackiert) bei sich stehen. Dort können sie also angespielt und erworben werden. Tja, qualitativ hochwertige Handarbeit ist nie billig und somit liegen die Preise für Borgani bei 3000 und aufwärts. Ein Schelm, der jetzt an spätrömische Dekadenz denkt. Jedoch wenn man es mit Selmerpreisen vergleicht oder die von einem gewissen schweizer Betrieb, wo ja auch noch rein per Hand arbeitet, scheinen mir die Preise reel und fair.
Ich sollte darauf hinweisen, da es sich um einen Betrieb handelt, in dem noch alles handwerklich gearbeitet wird in nicht all zu großen Auflagen, erfüllt Borgani auch speziellere Kundenwünsche. Wer also eine bestimmte Finishzusammensetzung will (z.B. unlackiert mit vergoldeten Klappen) und bestimmte Änderungen der Mechanik, sollte einfach mal bei Mike oder Orfeo nachfragen. Bei der Gelegenheit könnt ihr gleich von mir grüßen.

Fazit
Wie man merkt, bin ich dem Horn mehr als angetan. Optisch, haptisch und klanglich ein sehr edles Instrument, das einfach den Flair des ganz Besonderen hat. Superlative wie “das beste Saxophon, das ich je gespielt habe” benutze ich nicht, obwohl es in diesem Fall der Sache schon recht nah ist. “Ein Saxophon eines Caesars würdig.”
Mein Problem ist jetzt folgendes: Ich will es! Braucht nicht irgendwer noch ein Selmer oder Cannonball Altsaxophon?

Ich möchte mich übrigens noch mal bei Orfeo Borgani und Mike Duchstein für die Bereitstellung des Testinstrumentes bedanken.
http://www.borgani.com/
http://saxophon-service.de/

Testbericht Pierret Alto Saxophon Corps Embouti (von Markus Zaja)

Bevor es nun zur Musikmesse nach Frankfurt geht, wo ich das neuste vom neusten begutachten will, habe ich quasi als Kontrast einen schönen Testbericht zu einem deutlich älterem Saxophon von Markus Zaja bekommen.

Das vorliegende Pierret Altsaxophon aus der Reihe Corps Embouti ist versilbert und stammt aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Damit ist ein etwas 90 Jahre alter Klanggkörper erhalten geblieben, der in Verdacht stehen darf, an den alten Sax´schen Klang stark zu erinnern, entstammt er doch der kleinen Pariser Marke Pierret. Pierret Saxophone sind inzwischen recht gut dokumentiert, wir beteiligen uns hier nicht in aller Ausführlichkeit an den diversen Legenden, außer an einer : nachdem Sax Sohn pleite war und Henri Selmer den Laden aufkaufte, gingen ein Teil der Arbeiter zu Selmer, ein anderer zu Buffet. Dort wurden dann nach altem Muster Sax´sche Saxophone unter dem Namen Pierret gebaut. Falls davon einiges stimmt, ist derjenige gut bedient, der ein Horn im Raschér Sound zu schätzen weiß, und auf amerikanische Plagiate verzichten möchte.. Sollte das alles nur eine weitere Legende sein, haben wir ein extrem gut klingendes und sehr gut intonierendes Klassik- Alto in der Hand, das besonders bei Beachtung einiger Spieltechnicken der alten Zeit nichts zu wünschen übrig läßt und sowohl von der feinen Ästhetik der Fertigung als auch vom Spielgefühl her jedes moderne Horn an die Wand spielt.

Die Klappenlage ist linksseitig, daher ergeben sich beim Drückerfeld für die linke Hand geringste Hebelwege: gut eingestellt und absolut dicht, schließen die Polster auch im geschwinden spiel sofort und machen erstaunlicherweise klar, wieso die alten Klassiker etliche Passagen so schnell spielen konnten: keine Wippe oder riesige Paddel stören den natürlichen Bewegungsablauf der Finger.

Dieser ist besonders elegant, weil die Oktavmechanik – den Klarinetten ähnlich- keinen säbelförmigen Querdrücker wie später bei Selmer hat, sondern einen Drücker, der das Handgelenk in einer natürlichen Position ruhen läßt. Auch bei zügigem Spiel sind keinerlei Bewegungen im Handgelenk nötig, um tiefe Taster , Gis oder Palm Keys zu erreichen.

Wenn man erst einmal diese Handhaltung kennengelernt hat, wird einem die Mechanik der Selmer Clone und Originale ungewöhnlich klobig erscheinen. Dies ist bei allen “echten” Saxophonisten der Fall die sich im leben mal die Mühe gemacht haben, Klarinette zu erlernen : dort geht es gar nicht anders.

In der rechten Hand sind mit dem gut positionierten Daumenhaken ebenfalls keine Probleme fesstzustellen. Leider wurde die Mechaniklage in den späteren Generationen deutlich verändert, das 50er Jahre Tenor Super Artiste spielt sich bedeutend ! unbequemer – später darüber mehr.

Die Stimmschraube am Mundstückkorken ist kein echter Mikrotuner, sondern definiert mit einem einfachen Gewinde lediglich den Anschlag – falls man das überhaupt so einstellen will. Das etwas erhöhte Gewicht am Ende des S – Bogens bedeutet allerdings eine Klangverbesserung. Ich lasse sie also dran, im Gegensatz zu der Marschgabelhalterungsschraube : wird diese entfernt, blüht das Horn stark auf und liefert einen freien Klang, der auch in einer lauteren Kapelle gut mithalten kann.

Wer das nciht glauben will und selber nichts bemerkt bei Tests kann sich immerhin mal überlegen, warum bei alten Schwarz/Weiß Jatz Fotos die geliebten Helden seltenst die Marschgabelhalterungsschraube dran haben – aber bitte niemals ! das M beim Aussprechen vergessen ..

Der Klang ist mit diesem einfachen trick sofort umstellbar von einem eher klassischen Ton zu einem modern- kompatiblen Ton, selbst mit einem weitkammerigen Mundstück und klassischer Bahn genügt ein anderes knalligeres Blatt, um sofort fett und strahlend im Modern Jatz mitzuwuseln. Intonationsprobleme habe ich nicht festgestellt, was sicher auch an der außergewöhnlich sorgfältigen Restauration durch Torsten Köhler in Pinneberg liegt, der sich um die alte Tute liebevoll kümmerte. Die Klappenwinkel fein einzustellen erfordert schon genaueres Nachrechnen über asymptotisch schwingende Kurven und deren Schwingungsbäuche …

Besonders erwähnenswert ist der F-Heber, der offenbar bei diesen Modellen schon “damals” mit dabei war. Andere Modelle dieser Serie und Abbildungen im vielzitierten Saxophonbuch von Jaap Kool zeigen bereits in den 20er Jahren eine solche Mechanik, hier sind auch keinerlei Lötstellen nach der Versilberung erkennbar. Dieser Hebel erleichtert die Flageoletts extrem, und so kann man sich aussuchen: benutze ich die Griffe von Sigurd Raschér und ähnlichen Kalibern, oder folge ich den moderneren Grifftabellen… was aber bei Mundstücken mit Stufe eher gar nicht funktioniert – diese wollen aus guten klanglichen Gründen nicht mit den alten Tröten harmonieren.

Kommen wir nun zum Preis: unrestauriert gibts Pierrets gerne mal für unter 500.- Was das für Freunde eines historischen Klangideals bedeutet, muß nicht weiter erwähnt werden. Zum Glück erleben wir gerade auch in der Saxophon-Klassik eine erste Welle der historischen Aufführungspraxis, was der Musik sehr zugute kommt. Es ist ratsam, den womöglich vermackten Originalbogen zu restaurieren, anstelle Büscher Bögen umzuformen… es sei denn man mag seltene Hybride.

Fazit: nie wieder moderne Misttröten ! Jedenfalls, wenns mal wie früher klingen soll :-D

Ida Maria Grassi – der große Römische Ton (von Markus Zaja)

Ganz unverhofft fand ich heute diesen Test von Markus Zaja zu einem speziellem Vintage Saxophon in meinem Postkasten. Ich bin sehr froh, dass er für diesen Text noch Zeit gefunden hat, da nun eben erst seine Konzertreihe evening sonx in Essen begonnen hat. Das Objekt der Betrachtung finde ich besonders Interessant, da es in unseren Breitengraden eher eine Rarität auf den Bühnen der Jazzclubs ist:

Ein altes Schätzchen, hierzulande fast unbekannt: das Tenorsax Grassi, versilbert, vermutlich irgendwann in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts in Italien erbaut. Ida Maria Grassi war bis zur Firmenschließung im Jahre 2000 die einzige kleinere Instrumentenfirma, die als Familienbetrieb von einer Chefin geleitet wurde. Der Betrieb wurde dann geschlossen, weil Frau Grassi den wohlverdienten Ruhestand genießen wollte .

Jahrzehntelang galten viele Grassis in den Mittelmeerländern und den USA als sehr solide gearbeitete all-round Instrumente, die besseren Serien als härteste Mark6 Konkurrenten. Man behauptete, einen eigenen Sound zu haben, und genau das stimmt auch! Da es keinen Vertrieb nördlich der Alpen gab, blieben Grassis hierzulande fast unbekannt und es gibt noch immer wilde Spekulationen über Seriennumern und Baujahre, Modellreihen und Extras.

Kurz gesagt, die charmanten Hörner mit dem frechen grünen G auf dem S- Bogen ( genau, es ist ein G ! ) sind nichts für zimperliche Anfänger, die ein styliches Vintage suchen, daß ihnen den dicken Ton verleiht – für den nicht ohne Grund Berufsmusiker hart arbeiten.

Wer also die Mühe eines soliden Saxophonlernens nicht scheut, wird bei einem Grassi mit einem sehr voluminösen Ton und enormer Projektion belohnt, die nicht vermuten lassen, man spiele ein no- name Hinterwältlerhorn – im Gegenteil.

Das kostet etwas Arbeit: gründliche Tonstudien sind empfohlen, um den etwas höheren Blaswiderstand zu beherrschen. Wer Raschér nicht kennt oder diesen großen Namen für eine Pralinenmarke hält, braucht gar nicht weiterlesen…

Enge, schreiende Mundstücke mit stufiger Kammer sind ebenfalls ungeeignet. Es wundert nicht, daß Mundststücke nach akustisch – Sax´scher richtiger Konstruktion die besten Ergebnisse erzielen, besonders in der Intonation. Die kleinen Tonlöcher der höchsten Töne fördern einen zentrierten unbrüllenden Klang, ohne daß das Instrument deswegen an Durchsetzungskraft verlöre. Es geht also auch ohne die Selmer-Bratpfannen, die ja mittlerweile ebenfalls Standart geworden sind. Ich selbst erziele sehr gute Töne mit dem hierzulande ebenfalls unbekannten Munstück von Emilio Raganato, dessen dunkler Ton hervorragend zu dem Instrument paßt. Aber auch das neue alte Otto Link New Vintage Slant kann sich hören lassen, es ist etwas schärfer und wird den Big Band Spieler erfreuen.

Allen ist gemeinsam, daß der Ton eine besondere vokale Note bekommt, die nach gründlichem Üben mit dem Vokalklang des Spielers sehr verwandt erscheint, also unbedingt individuell geformt werden kann – und muß.

Der italienische Belcanto läßt grüßen! Ich würde sowieso dringend empfehlen, als Saxophonist einige Jahre Erfahrung im Singen zu haben, am besten in einem Chor. Erst dann werden das Gehör und das menschliche Singinstrument genügend geschult sein, entscheidende Nuancen überhaupt würdigen zu können.

Die Mechanik liegt größtenteils unkompliziert und fühlt sich leichtgängig und angenehm an. Dies wiederum liegt an der sehr wertigen Generalüberholung von Torsten Köhler aus Pinneberg ( www.holzblasinstrumenten-studio.de ) , der durchaus in die Trickkiste greifen mußte um dem alten Instrument das Klappern abzugewöhnen. Dies ist sicher ein Nachteil für Schnäppchenjäger und Leute, die ihre Instrumente noch nicht richtig verstehen.

Die Lage der Drücker für den linken kleinen Finger wird sicher nicht jeden erfreuen, entspricht sie doch von der Wirkung der Hebelwege nicht dem so gerne kopierten Balanced Action Standart, sondern den diversen Vorläufern. Allerdings müßte sich, wer sich darüber beschwert, auch über Büschers und Conns beschweren, da dort die Verhältnisse sehr ähnlich sind.

Das Grassi entlohnt diesen Umstand mit einem grünen Plättchen auf dem Gis, auch die Rollen sind grün – sehr schick !

Ein echtes Problem ist besonders für Unvorsichtige die Lage des Achsböckchens für das tiefe Cis. Dieses steht weit nach links heraus und sorgt für zwei Probleme: schnüsselige, in sich zusammengekauerte Bigbandspieler üben mit der am Bein anliegenden Mechanik auch Druck auf die gekoppelte Gis- Klappe aus, was zu leichtem Offenstehen führt und die bekannten Probleme macht.

Ebenfalls nervig ist es wenn man sich das Böckchen am Stuhl wegkloppt und dann auf tiefere Töne verzichten darf: die simple Hebelklappe ist sicherlich ein Schwachpunkt, auf den man achten muß. Dies gilt auch für Koffer: moderne, für Selmer- Klone gedachte Koffer müssen da entsprechend angepaßt werden.

Die ältliche Mechanik fürs tiefe Cis macht es auch etwas schwieriger, rasche Tonwechsel im Baßbereich zu realisieren: wer dies wünscht, muß verstärkt üben. Und wer Musik spielt, die dies zwingend vorsieht, wird vermutlich sowieso dafür bezahlt …

Die letzte Serie der Grassis, die 2000er Pro, hatte hier entscheidende Verbesserungen, man montierte das Cis wie bei anderen Instrumenten auf derselben Welle am Hauptrohr. Leider sind diese Instrumente in versilberter Variante kaum zu finden, Klarlack- vernickelte gibt es schon ab und zu, allerdings recht teuer. Die Besitzer wissen offenbar Bescheid!

Der Daumenhaken ist fest verlötet, irgendwelche Tuningteile können also nicht angeschraubt werden.

Das ist auch nicht nötig: es genügt, die sinnlose Marschgabelhalterungsschraube zu entfernen, um das Instrument deutlich freier, jedoch nicht schreiender wirken zu lassen.

Wer mal Klarinette spielte, wird auch mit der an sich handfreundlicheren Lage des Oktavklappendrückers keine Probleme haben. Der ältere Baustil verhindertdas Hochziehen des Handgelenkes und die Unerreichbarkeit der Drücker für den linken kleinen Finger. Die Handhaltung ist somit ausgesprochen elegant.

Wer also ein sehr individuelles Instrument spielen will, daß bei guter Pflege jedes moderne Fabrikhorn an die Wand spielt, sollte sich mal ein Grassi anhören und ansehen.

Oder bei Kollege Eli Degibri: www.degibri.com .

Das Beste am Schluß: unrestaurierte Grassis gibts für wenige hundert Euronen.

Einfach Augen und Ohren offenhalten.

Markus Zaja

www.markuszaja.de

Anekdoten, Geschichtchen und sonstige Lebensweisheiten

Nun jeder kennt Geschichten, die anfangen mit “Der Freund meines Freundes ist mal…” oder “Der Schwippschwager meiner Tante 3. Grades hat mal…”. Und immer sind diese Geschichten sowas von wahr und es wird schnell auf das Grab der eigentlich noch lebenden Mutter geschworen. Was ich allerdings hier gesammelt habe ist wirklich mir passiert und ist so wahrheitsgemäß aufgeschrieben, soweit ich mich daran noch richtig erinnere (Übertreibungen sind allerdings stilistische Mittel des Autors und damit auch legitim). Noch steht hier nicht viel, da ich älteres schon vergessen habe (deshalb habe ich jetzt angefangen das aufzuschreiben), aber es wird stetig mal wieder etwas neues dazukommen.

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Baroker KossiNeulich gegen Ende einer Session wollte unbedingt  Zwei (schon etwas angetrunkene) noch mitjamen. Als sie auf die Bühne kommen, fragen wir sie, was sie spielen wollen und erhalten als Antwort “A oder E”.
Der eine nahm sich den Bass der andere setzte sich ans Schlagzeug. Schnell (nach 4min bzw. für uns nach einer gefühlten Stunde) merkten diese, dass sie die Instrumente gar nicht spielen können, weshalb sie einfach tauschten. Der “Schlagzeuger” nahm den Bass, griff und schlug die Seiten wie bei einer Gitarre an. Aus irgendwelchen Gründen fanden sie das besser und meinten, dass ihre” Musik” irgendwie “80er Underground” sei. Da wir anscheinend nicht so aufgeschlossen waren und die Musik nicht verstanden hat sich unser Bassist, der mir aus noch unklaren Gründen an diesem Abend ein barokes Kostüm mit Perücke und Dreispitz trug,  sein Instrument aus der Hand des 80erUndergroundbassisten wieder genommen, diesen leise gedreht und ich gesellte mich dazu und wir improvisierten im Piano über C7 um nun auch den Schlagzeuger zurück ins 21. Jahrhundert zu holen. Der gab dann irgendwann auch auf und gab uns noch folgende Weisheit mit in die Nacht. “Wenn die anderen Instrumente leise sind, dann ist das Schlagzeug zu laut.”
(2009)

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Als ich zum 600 jährigen Jubiläum der Universität Leipzig mal wieder im Gewandhaus, DEM Konzertsaal Leipzigs, spielte wurde doch Tatsächlich vom dortigen Aufnahmeleiter (oder wie immer man den Mann mit dem Zeitplan und dem Mikro nennt) doch tatsächlich folgendes ausgerufen: “Das berliner Borak-Orchester soll sich fertig machen. Das Berliner Borok… Borak-Orchester ist in 10min dran”
(2009)

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Bei einer Probe, ich such mir gerade ein Blatt aus (ihr wißt, ich spiele diese schwarz-weißen Kunststoffdinger) und will es an mein Mundstück anlegen meint der Gitarist zu mir: “Du hast da aber ein sehr großes Plektrum.”
(2009)

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Jeder der öfters mal auf der Bühne gestanden hat, hat garantiert schon seine Erfahrungen mit Licht- und Tontechniker gemacht. Ich möchte nur nochmal darauf hinweisen, dass diese mit großer Vorsicht behandelt werden müssen. Sie verstehen keinen Sarkasmus. Und so begab es sich, bei dem letzten Bigabandkonzert als der Lichttechniker gerade am rumfummeln war, dass unser Bigbandleiter fragte, was uns denn nun an dem Abend erwarten würde. Der Techniker antwortete “Ich bin noch am ausprobieren, was wollt ihr den haben?”. Unser Leiter meinte dann scherzhaft “Hauptsache dunkel und viele Farbwechsel”. Tja, genauso hat er es dann auch gemacht und wiedermal hat sich gezeigt, dass sich die 20 Euronen für eine LED-Notenpultleuchte wirklich gelohnt haben.
(8.6.2009)

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Jeder kennt Murphy’s Law. “Das was schief gehen kann, geht schief!” und Musiker wissen, dass dies gerne für Technisches Equipment kurz vor dem Auftritt gilt. Leider funktioniert die zweite Regel, dass “Geräte oft besser funktionieren, wenn man sie kräftig tritt”, nicht immer. Und so ging mir mein Zoom H4-Aufnahmegerät natürlich dann kaputt als ich es dringend brauchte (war nicht ganz so schlimm gewesen, da Thomann ja eine 3 Jahresgarantie bietet). Nun war ich frustriert, hatte noch Zeit zum Auftritt und hatte Langeweile weshalb ich meinen Schraubenzieher zückte und das Teil einfach komplett auseinander nahm (sogar die einzelnen Platinen). Keine Ahnung warum, aber als ich es wieder zusammen setzte (tatsächlich blieb dieses mal kein Teil über und es fehlte auch keines) ging es wieder. Das ist also Regel Nummer Drei “Manchmal hilft das bloße Zerlegen und Zusammensetzen und ein kleiner Schraubenzieher ist eine praktische Sache”
(8.6.2009)

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Bei Sessions kann es passieren, dass sich die Musiker blind verstehen und einfach tolle Musik am Abend erklingt. Es kann passiere, muß aber nicht. Genauso kann es passieren, dass die Bühne von zwei (leicht angetrunkene) Mädels (hmm, warum sind bei der Session eigentlich alle immer mehr oder weniger leicht angetrunken) die Bühne entern. Sie wünschten sich “Ain’t no sunshine when she’s gone” und die Musiker, die eigentlich gerade Schluß machen wollten sich doch noch erweichen ließen, dieses zu spielen, alleine bedingt dadurch, dass die Musiker alle männlich und die Damen halt weiblich waren. Nun wie erahnt, wurden keine gesanglichen Höchstleistungen erbracht, so dass ich nach drei Strophen (eigentlich hat das Stück eh nur drei) ich zu einem Solo ansetzen möchte, aber die Damen singen konsequent noch drei weitere Strophen. Erst setze ich aus, dann der Gitarrist, dann der Bassist, der Drummer reduziert sich auch nur noch auf Hi-Hat. Die Mädels singen unbeirrt drei weitere Strophen, entweder ist ihnen das egal oder sie haben es nicht bemerkt (was natürlich die Frage aufwirft, ob sie überhaupt je auf die Musik gehört haben).
Was macht man in so einer Situation? Der Gitarrist und ich schauen uns an: “Billy’s Bounce, 1,2,1,2,3,4…”
Tja, der Bassist war leider zu langsam und der Schlagzeuger hat es nicht gemerkt (Geht nicht so auch ein Musikerwitz?) und den Mädels war es sowieso egal. Wir zuckten dann einfach mit den Schultern, stellten die Mikros und Anlage ab und haben unsere Instrumente eingepackt. Und wenn sie nicht gestorben sind, singen die Mädels wahrscheinlich immer noch mehr Strophen…..
(2009)

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Bei der Aufnahmeprüfung für Musik in Bremen kam ich mit einem klassischen Gitaristen ins Gespräch, der sichtlich nervös war. Auf die Frage, was denn sein Zweitinstrument ist, sagte er “Blockflöte”.
Nachtrag: Ich habe ihn dann später wieder getroffen. Er hatte dann doch bestanden und inzwischen auch sein Zweitinstrument gewechselt. Etwas das man auch mit der Nase spielen kann, ist halt, meines Erachtens nach, doch kein richtiges Instrument (-;
(Juni 2009)

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Bei einer Jazzsession steht der Drummer plötzlich auf weil er keine Lust mehr hat und meint zu uns: “Ich muß mal, ihr könnt ja derweil mal etwas intrumentales spielen.”
(2009)

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Merke: “Tenorsaxophonkoffer dürfen im Kino nicht aufrecht gestellt werden sondern müssen gelegt werden, da sie ansonsten ein Sicherheitsrisiko darstellen” (20.7.2009)

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Bei einer Probe in einer professionellen Raggaeband wurde spontan beschlossen, dass wir bei dem nächsten Gig auch Take5 spielen wollen; allerdings für mich ungewohnt im 4/4 Takt (müßte es dann nicht Take4 heißen). Auch ungewohnt war, dass ich plötzlich auch über den harmonisch etwas anspruchsvolleren B-Teil improvisieren mußte, weshalb ich danach einen kleinen Einspruch einlegte.
“Wieso? Ist im Original doch auch so”, worauf ich meinte: “Nee, bei Brubeck  bleibts nur auf den zwei Akkoreden; modaler Jazz halt.”
“Wir meinen das Raggae-Original von den Skatalites.”
(26.8.2009)

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Auf den Classic Open 2009 in Leipzig spielten bevor ich mit der UniBigBand dort auftratt noch ein studentisches Blasorchester, dass allerdings vom Repertoir eher eine Mainstreambigband sein möchte. Der Dirigent studiert schon seid ein paar Jahren an der hiesigen HMT klassisches Dirigat. Bei ihrem letzten Stück “Rock around the Clock” dreht er sich um und um das Publikum zu animieren beginnt er zum Takt zu klatschen und zwar auf eins und drei.  Bei der Zugabe “Everybody needs Somebody” das gleiche. Ich habe mir vorgenommen, wenn ich jemals auf einem seiner klassischen Konzerte bin, dass ich klatschen werde, bevor der Taktstock unten ist.
(2009)

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Es kommt ja manchmal vor, dass man fast sein Instrument vergißt (schlimm, wenn man es tatsächlich vergißt). Mir ist folgendes passiert, als ich beim Musikkorps vorspielen wollte. Ich komme mit der Bahn in Lüneburg an, war schon aus dem Bahnhof raus, da bemerke ich, dass meine rechte Hand frei ist. Mist, ich habe das Saxophon im Zug liegen gelassen. Ich stürme zurück, der Zug ist noch da, Gottseidank, wußte ich noch welches Abteil es war, quetsche mich durch die Leute, sehe oben in der Ablage mein Sax, greife es mir, will wieder raus und drücke den Knopf der Tür. Die Tür geht nicht mehr auf da in genau diesem Augenblick der Zug losfährt….
Sagen wir es so, der Hundertwasserbahnhof in Ülzen ist eine Reise wert. Ich rufe beim Sekretariat des Musikkorps an und sage, dass ich mich auf Grund einer Verspätung meines Zuges um ca. eine Stunde verspäten werde. Mir war die ganze Sache sehr peinlich; was würde das für einen ersten Eindruck machen.
Nun ja, ich kam dann dort an und wollte vorspielen aber anscheinend wußte keiner Bescheid, dass jemand zu einem Vorspiel kommen würde. Der Saxophonsatzleiter meinte dann “wir machen erstmal Natopause”. (Musiker sind halt Musiker, egal ob zivil oder in Uniform). Nach dem Vorspiel meinten sie etwas gelangweilt, wir haben 3. Klarinette und Bariton  frei. Tja, ich habe mich dann mit mäßiger Begeisterung für’s Bari entschieden, was dann allerdings mehr Spaß gemacht hat als zunächst gedacht. Nebenbei, was man dort so an Instrumenten gestellt bekommt ist nicht schlecht. Ich hatte 6 Selmer Saxophone auf der Stube stehen, die Hälfte davon waren “schlecht Wetterinstrumente”.
(April 2004, Lüneburg)

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Wenn man irgendwo spielt kommt es oft vor, dass danach irgendwer zu einem kommt und einen Lobt und anfängt irgendetwas zu erzählen. Manchmal hängen die dann mehr oder weniger an der Backe und oft ist das Klientel etwas “gereift”. Manchmal ist es auch ganz niedlich, was man da zu hören bekommt. Bei einer PianoBoogieNight Session, bei der meine Freunde und ich den Altersschnitt schon deutlich drückten, trat, kurz bevor ich nochmal auf die Bühne gehen wollte, ein etwas älterer Herr und erzähle mir folgendes. “Wissen Sie, was Sie da gemacht haben, ist wirklich toll gewesen. Ich habe zu Hause eine doppel Langspielplatte aus der Carnegiehall von 1938. Heute habe ich gleiche Töne von ihnen gehört aber live”. So motiviert habe ich gleich doppelt so gerne nochmal gespielt.
(16.9.2009, Leipzig)

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Einer meiner begeisterten Schüler hat in seiner Anfangseuphorie bei Ebay ein MetallNoNameMundstück bestellt. Die Erkenntnis im Unterricht, dass dieses Mundstück nicht wirklich gut sei und aufgrund der riesen Stufe darin total ungeeignet für den Anfang ist, hat ihn dann natürlich etwas enttäuscht aber er hat sich dann doch an meinen Rat gehalten lieber Kautschuk zu spielen.
Beim letzten Unterricht kommt er wieder mit dem Teil an und ich schaue ihn dann schon skeptisch an. Aber nanu, als er rein bläst klingt es nicht nach einem überbrutalem Stufenmundstück. Ich war etwas verwundert und dann zeigt er mir stolz was er damit gemacht hat. Ausgerechnet angeregt durch einen meiner Artikel hat er einen Dremel genommen und die Stufe im Mundstück entfernt und einen Bullet-Einlass eingefräst. Ich war total baff, da es natürlich im Mundstück sehr strange aussah, es aber funktioniert (zumindest deutlich besser als vorher).
Krass was es alles gibt; gerade mal die C-Dur-Tonleiter gelernt aber schon unter die Mundstückrefacer gegangen.
(November 2010)

Neulich im Nachtbus

Öffentliche Verkehrsmittel können manchmal spannend sein, vor allem im Leipzig und dort vor allem Nachts! Und so begab sich auch folgendes vor ein paar Tagen.
Ich war mit einem Freund gegen halb 3 auf dem Heimweg von einem Konzert von Freunden.
Hinter uns saß eine Gruppe junger Männer, die anscheinend gerade aus der Disco kamen und dort gut gefeiert hatten. Sowohl der Alkohol- sowie Lautstärkepegel waren recht hoch.
Ich blickte mich nur kurz um und erhielt sofort ein: „Ey, was guggst duh?!“ (aus Authentizitätsgründen werde ich die Konversation lautmalerisch schreiben)
Och, eigentlich nüx, wieso?“
Mein entwaffnendes Lächeln hatte ihn beruhigt, weshalb er sich wieder umdrehte. Aber anscheinend hatten wir Freundschaft geschlossen, denn eine Minute später kam die Frage: „Ey, haste malne Kibbe?“
Nee, leider nicht, ich bin Nichtraucher“, „Ey, das kann doch gar nischt sein, dass du geene Kibbe hasd…“
Wie kommt man aus so etwas elegant heraus? Genau, man schiebt einen Grund vor:
Ich bin Saxophonist, da ist sowas schädlich“ (Ok, es hat nicht wirklich Auswirkungen, aber schädlich ist es ja sowieso)
Was bis du?“
Ich spiele Saxophon“
… Ey cool! … Bisd du schon reich und berühmd?“
Nein, als Jazzer wird man nicht reich und berühmt“
Ey, hasd du eben nich noch gesacht, dass du Saxophonist bis?“
…“
(was soll man sagen? eine entwaffnende Logik)
Ey mein Gümbel ist Rapper“ Er dreht sich zu seinem Kumpel um (der ebenfalls eine Bomberjacke trug) „Ey, der hier ist Saxophonist!“
Cooel“, jetzt wendet sich sein Kumpel zu mir „Bist du gut?“
Naja, ich würde sagen, dass ich nicht schlecht bin“
„Isch bin Räba. Ey, hasd du vielleicht Lust mit uns mal einen Track aufzunehmen, so featureringmäßig, weiß du?“
Warum nicht? Funk liegt mir, und über so eine HipHopNummer passt das oft sehr gut. In was für eine Richtung rappt ihr?“
„Pornorap!“
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… ah, ok…“
Du kommst mal zu uns und spielst eine Line, oder so. Gib mal deine Handynummer.
Kennst du Frauenarzt?“
„Frauenarzt? …nein.”
(wäre ich schlagfertig gewesen, hätte ich zurückfragen sollen, ober den Saxophonisten Gynäkologen kennt, aber so etwas fällt einem ja immer erst hinterher ein)

Kennst du Massiv“
„Ja, der sagt mir schon was“
„Sowas machen wir etwa. Kennst du Bushido“
Ja, ist mir auch ein Begriff“
„So wie der früher, nicht wie jetzt, jetzt ist er ne Muschi. Total Komerz“

„Ah stimmt, ich habe neulich mal eine Spiegel-Reportage über ihn gesehen, bei der er zuhause in einem kleinbürgerlichem Wohnzimmer bei Mutti saß und Tee getrunken hat“
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Jetzt kam der Nachtbus endlich am Bahnhof an, dem zentralen Umsteigeplatz, und mein Freund und ich verabschiedeten uns schnell. Wir begaben uns zum Treffpunkt für alle Nachtschwärmer (egal wie alt, welcher sozialen Schicht zugehörig oder ob Wessi oder Ossi), die noch einen gewissen Hunger verspüren: McDonalds
!
10 Minuten später trafen dort
auch unsere neuen Freunde ein (klar, ein Weg in Schlangenlinien ist einfach länger und braucht mehr Zeit). Wir hatten uns schon in die „intellektuellen Abteilung“ zurückgezogen (McCafé) und blieben daher unbehelligt. (Man könnte hier fast schon von einer McDonalds-2-Klassengesellschaft reden)

Ich bezweifle auch, dass sie sich am nächsten Tag überhaupt noch daran erinnerten, sie werden sich wahrscheinlich eines Tages nur wundern, warum sie ihn ihrem Handy den Eintrag „Tobias Sax“ haben.
Schade eigentlich, dass hätte ein lustiges Projekt werden können und wahrscheinlich finanziell einträglich.

Bitte entsorgt die Staubfeudel

Gestern zur Probe zeigt mir unser erster Altist stolz sein neues Spielzeug. Einer dieser merkwürdigen Staubfeudel, die man in das Saxophon stecken kann, wenn man es im Koffer lagert.
Ich schaue ihn an und sage „Schmeiß dieses Teil bloß weg“ „Wieso?“ Und so hatte ich die Idee zu einem neuen Blogeintrag.

Ja, wieso eigentlich? Besser ist die Frage, wofür ist dieser Feudel überhaupt gut. Früher hatte dieses Teil einen wirklichen Nutzen. In Früheren Zeiten waren die Lederpolster noch nicht imprägniert und der ständige Wechsel von feucht und trocken hat das Leder sehr schnell ausgedorrt wodurch die Polster auch dementsprechend schnell verschlissen war. Der Feudel hatte die Funktion, die Feuchtigkeit im Sax zu halten, damit die Poster nicht immer so schnell austrocknen und dadurch länger halten.

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Doch in Zeiten guter Imprägniermittel sind diese Teile so überflüssig wie ein Kropf. Einige denken, man würde damit das Sax sauber machen. Dafür eignen sie sich überhaupt nicht, dafür gibt es die Durchziehwischer. Der Feudel verteil den Schmutz nur besser.

Es gibt sogar gute Gründe dieses Teil schnellstmöglich zu entsorgen. Wie gesagt, das Teil hält die Feuchtigkeit im Sax. Diese warme, feuchte, dunkle Umgebung in der die ganze Siffe hängen bleibt ist die ideal Umgebung für Keime, Bakterien und sonstigem schleimigen und lebendigem Zeugs. Und das steckt ihr immer wieder in euer Saxophon? Bäh!

Ein weiterer Grund warum diese Dinger auf den Müll gehören ist, dass sie fuseln. Diese Fuseln bleiben gerne in den Rillen der Polster kleben und können zu Undichtigkeiten führen.

Das habe ich auch so meinem Kollegen erklärt, aber er meinte dann, dass er ihn trotzdem behält, worauf ich ihn fragte: „Wieso? Weil Charlie Parker auch so ein Teil benutzt hat?“
„Ja genau, woher wußtest du das?“

Selmer Mark VI – doch nur ein Mythos?

Immer und und überall in der Saxophonistenszene fällt zwangsläufig in einer Diskussion das Mark VI. Es scheint omnipräsent zu sein und es geht mir zunehmend auf die Nerven. Deshalb möchte ich heute mal in diesem Thema aufräumen. Ich werde über ganz rationale Gründe über den Erfolg des Mark VI reden, diverse Gedanken über verschiedene Aspekte des Mythos verlieren und mich mit der Krux dieser übertriebenen Glorifizierung befassen.

Wenn man Saxophonisten nach dem „besten Saxophon fragt“ kommt sehr oft die Antwort „Mark VI“. Verwunderlich ist dann aber, dass alle Saxophonisten (Jazz) ganz individuell klingen wollen und die gängige Meinung über das Equipment ist, dass es eine ganz individuelle Sache sei und es bei keinem gleich zusammen passt.
Also jeder Saxophonist muß sein Equipment finden und alle klingen sie auf ihren Mark VI total unterschiedlich und individuell?

Zuerst muß ich hier aber auch sagen, dass selbst heutzutage die meisten Mark VI doch ganz gute Hörner sind, einige von ihnen sogar fantastisch; aber die besten? Ich meine; bei weitem nicht.
Aber wie kam es zu diesem gigantischem Erfolg und auch dem Mythos?

Ich glaube, da muß man wahrscheinlich im Jahre 1954 anfangen, dem Jahr an dem das Mark VI herauskam. Selmer war schon vorher bekannt und hat wie heute sehr gute Saxophone für den Professionellen Bereich gebaut, die sich sowohl für Klassik wie Jazz eigneten. Jedoch war das Mark VI damals eine kleine Revolution. Es hatte damals mit Abstand die beste Mechanik. Klanglich spielte es auch ganz oben mit, wobei man aber ganz klar sagen muß, dass es zu der Zeit auch sehr gut klingende amerikanische Hörner gab (hier möchte ich z.B. das legendäre King S20 (Parker und Cannonball spielten es) erwähnen, welches mich persönlich vom Klang mehr anspricht).
Nun war aber noch in der frühen Nachkriegszeit die europäische Wirtschaft noch nicht so stark wie die Amerikanische, weshalb der Dollar deutlich mehr wert war als die französische Währung, wodurch das Mark VI auf dem amerikanischen Markt unschlagbar billig wurde.

Guter Klang, fantastische Mechanik und dazu ein unschlagbarer Preis; logisch, dass die ganzen Jazzer, die nie wirklich im Ruf standen, besonders vermögend zu sein, scharenweise auf das Mark VI gestiegen sind.

Da auch die Größen der Szene nun Mark VI spielten, wollte natürlich ihre Nachahmer, die genauso klingen möchten, auch alle ein Mark VI (das gilt auch heute noch so), vergessen dabei aber oft, dass für den Klang der Jazzlegenden wahrscheinlich eher deren jahrelanges Üben und Spielen verantwortlich sind, gefolgt von ihrer anatomischen Gegebenheiten und Blatt und Mundstück dürften auch noch ihr übriges dazu getan haben.

Wie dem auch sei, das Mark VI wurde damals zum Verkaufsschlager und wurde auch lange produziert. Teilweise wurden aufgrund der Nachfrage die Saxophone in die USA nur in Teilen endgefertigt, wodurch es zu den USA Lack und Gravierungen kam. Die restlichen amerikanischen Saxfirmen konnten damit nicht mithalten und machten Reihenweise ihre Produktionen dicht. Sehr schade. Und auch in Frankreich und dem Rest Europas hatten Konkurenzfirmen wenig Erfolg. Der Markt wurde recht einseitig und lange gab es kaum wirkliche Alternativen. Die Amis waren weg, die Japaner noch nicht da oder fertigten nur noch auf Schülerniveau und Taiwan kam erst jetzt vor kurzem richtig auf den Markt mit brauchbaren Saxophonen. Einzig Keilwerth schien sich halten zu können.
Also auch kein Wunder, dass zeitweise fast alle Profis Selmer spielten.

Das Mark VI wurde dann von dem zu unrecht ungeliebten Mark VII abgelöst. Es war nicht wirklich besser, aber auf keinen Fall schlechter, nur moderner. Dabei waren die frühen Mark VII den späten Mark VI sehr ähnlich. Da es die hohen Erwartungen an den Mark VI Nachfolger nicht gerecht werden konnten, viel es in Ungnade bei der Saxgemeinde (die Mark VII sind immer noch underpriced). Selbst heute muß sich Selmer immer wieder anhören, dass ihre neuen Hörner alle schlechter als das Mark VI seien.

Ein weiterer Grund für die heutige Beliebtheit, den ich persönlich gut nachvollziehen kann, ist dessen einmalige Verbindung von einem Vintageklang mit einer modernen Mechanik.
Tatsächlich ist das Mark VI der Prototyp der heutigen Hörner. Die Mechanik wurde zum Standard und auch das Klangideal orientierte sich sehr am französischen eher schlanken Ton mit dem leichten Näseln. Die Japaner kopierten anfangs ausschließlich Selmer. Sehr schade um den breiten fetten Sound der Amihörner. Dies ist meiner Ansicht nach, auch ein Grund für den blühenden Vintagemarkt, weil es tatsächlich lange nichts mit dieser schönen Klangrichtung gab und man zwangsläufig auf die alten Geräte zurückgreifen mußte.

Aber nicht nur die Asiaten kopierten. Es gibt auf dem Markt unendlich viele Hörner, die Mark VI Kopien sein sollen. Als die besten gelten das Yamaha 62, das Selmer USA Omega, B&S Medusa, P.Mauriat System 76, Brancher und sogar Selmer kopiert sich mit dem Reference 54 selber.

Der vergleich mit dem Mark VI ist auch bei der Bewertung eines Saxes quasi obligatorisch. Je „Mark sexier“ etwas ist, desto besser.
Aber nach der Mark VI Fangemeinde erreicht keines von denen die Klasse, Charakter, Seele (oder was auch immer) die des Originales. Viele meinen wirklich, dass mit dem Mark VI die Entwicklung des Saxophones abgeschlossen sei und danach die neuen Instrumente immer nur schlechter geworden sind. Ich denke hier sogar schon eine Art kleinen Fanatismus zu erkennen.

Zudem verwundert es mich, das keines der genannten Hörner wirklich ähnlich klingt, was mich mal zwangsläufiger zu der an sich einfachen Frage führte: „Wie klingt ein Mark VI denn nun eigentlich?“
Merkwürdigerweise bekommt man darauf sehr verschiedene Antworten und die Mark VI Spieler loben recht unterschiedliche Vorzüge ihres Horns. Von kräftig und hell über straight und kernig sowie charakteristisch und breit bis hin zu weich und dunkel.
Kann es vielleicht sein, dass es gar keinen einen Mark VI Sound gibt?
Wie kommt das? Dafür gibt es einige Erklärungen die eigentlich sogar auf Hand liegen.
Zunächst hat Selmer selbst heute noch ein kleines Problem mit der Produktionskonsistenz. Die Saxophone fallen trotz gleichen Modelles oft sehr unterschiedlich aus. Das war früher bestimmt nicht besser.
Ein weiterer Grund ist die Tatsache, dass die Instrumente schon alt sind. Ein Instrument verändert sich durch die Abnutzung, jede Generalüberholung. Andere Polster, andere Resonatoren und dann vielleicht noch neulackiert; schon hat man ein ganz anders klingendes Saxophon.
Ich muß zugeben, dass ich nicht der Mark VI Fachman bin, und vielleicht nur etwas über 15 Mark VI angespielt habe, jedoch waren die alle immer sehr verschieden, selten entsprachen sie ihrem Ruf und nur eines hatte mich vom Klang wirklich umgehauen, welches aber deutliche Intonationsprobleme hatte.

Ein weiterer Hauptgrund für dieses Klangspektrum liegt auch im langem Zeitraum, in dem es gebaut worden ist. In über 20 Jahren wurde das Mark VI nicht konstant gleich gebaut. Das Mark VI gab es ja sowieso in verschiedenen Varianten – mit oder ohne Hoch Fis, Altos mit Tief A, europäische oder amerikanische Variante, ich habe sogar eines im originalem lila Lack angespielt – sondern es wurden auch viele bautechnische Details verändert, Knie, S-Bögen, Mensuren, Material. Eine der kuriosten Legenden, die mir dazu zu Ohren kamen, war, dass man ursprünglich als Material Metall aus wieder eingeschmolzenen Kanonrohren aus dem zweiten Weltkrieg genommen hat (daher wahrscheinlich auch der bombastische Sound). Nachdem dieses Metall verbraucht war, wurden die Mark VI schlechter.

Aufgrund dieser baulichen Unterschiede kommt das Gerede über die Seriennummern zustande; dass es bestimmte Reihen gibt, die besonders gut seien. Aber die wenigsten kennen sich bei diesem Thema wirklich aus, zudem ist das oft eine Geschmacksfrage, was den nun besser klingt und zuletzt halte ich das wegen der Selmer naturellen Fertigungsschwankung und dem Zahn der Zeit für überhaupt nicht aussagekräftig.

So etwas ist dann nur wichtig, für die Sammler. Das sind auch die, die die Preise so hoch treiben. Persönlich finde ich, dass der gezahlte Preis in keiner Relation zu spielerischen Aspekten steht. Das Mark VI ist nicht so teuer, weil es so gut ist, sondern so gefragt.
Seriennummern, die angeblich besonders gut sind, erzielen hohe Preise. Begehrt sind die „5-digit“ (also nur fünfstellige Seriennummer). Ich bin überzeugt, dass hat nichts damit zu tun, dass die besser sind, sondern nur seltener. Aber da jetzt viele jetzt ein 5-digit Horn haben, ist das auch nicht mehr „hip“. Der neue Trend geht zum Selmer SBA. Die sind noch seltener.

Und was den Markt angeht; habt ihr euch noch nie gefragt, warum so viele Mark VI zum verkauf stehen, wenn es doch das beste Horn ist? Deshalb solltet ihr immer fragen, wenn euch eines angeboten wird, wer denn gestorben ist. Wenn die Antwort lautet: „Der Opa, der hat noch mit Miles und Coltrane auf der Bühne gestanden“ ist das ein Zeichen für ein gutes Saxophon, wenn die Antwort hingegen „Keiner“ ist, sollte euch das zu denken geben, warum dieses Sax eigentlich verkauft wird. Und seid gewarnt, viele Ebay Dachbodenfunde sind in Wahrheit nur Kellerausmistungen.

Viele Fans führen gerne an, dass auch heute noch die meisten Profis Mark VI spielen.
Die angehenden Jazzgöttern waren auch nicht vor dieser Selmerindoktrinierung gefeit. An den Musikhochschulen spielten die Dozenten und Lehrer die Teile und so dann auch die Studenten und wie bereits oben erwähnt, gab es lange Zeit auch nicht wirklich viele Alternativen.
Von Maceo Parker gibt es eine Aussage (in einer Sonic Ausgabe), wie er denn zu seinem Mark VI gekommen ist. Sinngemäß: „Damals spielten alle meine Vorbilder ein Mark VI. Ich dachte mir, wenn die das spielen ist das Horn auch gut genug für mich“.
Und warum sollten diese Leute nach 20 Jahren, nachdem sie sich auf diesem ihrem Horn eingespielt haben, jede Eigenart kenne und darauf ihren Sound entwickelt haben, wechseln, auf ein Horn, dass vielleicht objektiv etwas besser klingt und besser Intoniert, wenn sie dann nochmal 5 Jahre brauchen um sich so darauf einzuspielen, damit sie wieder auf ihren heutigen Stand kommen?

Zudem häufen sich Beispiele von jüngeren Profis die von ihren Mark VI auf die modernen Hörner der nächsten Generation wechseln. Wie oft da nun ein Endorsementvertrag mit Yamaha oder P.Mauriat dahinter steckt, wollen wir uns gar nicht fragen.

Vielen Mark VI Fans wird vieles was hier steht wahrscheinlich sehr aufstoßen, dabei ist es gar nicht meine Absicht, das an sich immer noch gute Horn irgendwie schlecht zu reden. Ich wollte nur einmal mit dem größten Mist, der darüber erzählt wird aufräumen, und ich hoffe, dass so manch ein Neuling in dieser Thematik ein etwas realistischeres Bild oder zumindest mal eine Gegenposition bekommen hat.