Aus Rico wird D’Addario – im Test das neue Select Jazz Mundstück

MJS-D7M_detail2Einige haben vielleicht schon so halb mitbekommen, irgendwie ist da was mit Rico und D’Addario, z.B. wenn man die Rico Page besuchen möchte und man nichts mehr findet. Das liegt daran, dass Rico vor einiger Zeit von D’Addario komplett aufgekauft wurde und jetzt sukzessive der Name Rico auslaufen soll.
Rico war lange eine der großen Namen im Blätter Bereich und es ist schon ein wenig Schade, dass dieser jetzt verschwinden soll. Zudem wirkt der Name „D’Addario“ für den Saxophonisten erstmal etwas befremdlich, aber die Leute haben sich mit der Zeit auch daran gewöhnt, dass Twix nicht mehr Raider heißt.

D’Addario ist in der Musikwellt auch kein unbeschriebenes Blatt, denn sie sind einer der größten Hersteller für Gitarrenseiten und mehr und verfolgt aktuell einen Expansionskurs. Iim Falle Rico hat es sogar auch sein gutes, denn seit der Übernahme verfolgt D’Addario mit seiner neuen Marke einen sehr koordinierten Modernisierungsproßess.

Von alten Gerätschaften wird jetzt auf CNC-Fräsen der neusten Generation umgestellt. Alle Produkte, die jetzt unter dem Namen D’Addario laufen, kommen aus dem neuen Prozess, alles wo noch Rico drauf steht, kommt aus der alten Produktionsweise.
Die alten Geräte, mit denen die Blätter mit Hilfe einer Formschablone geschnitzt worden sind, waren recht wartungs- und pflegebedürftig, was einer der Gründe ist/war, warum Holzblätter oft so unterschiedlich ausfallen. Das ist natürlich heutzutage hoffnungslos veraltet, wo doch fast alles über computergesteuerte CNC-Fräsen und 3d-Modelle läuft.
Bisher gibt es von D’Addario nur neu die Reserve Blätter für Alt und Klarinette, aber die restlichen Modelle sollen ebenfalls nach und nach umgestellt werden. Die Reserve sind die professionellen Klassikblätter von ehemals Rico und bekannt für ihr besonders dickes Herz und man daher erstmal etwas einspielen muß. Persönlich finde ich sie ja etwas ansprechender als ihr Vandoren Blau Pendant, da sie für mich einen etwas volleren Sound haben.
K1024_IMG_3424Ich hatte jetzt zum Testen drei Schachteln in die Hand gedrückt bekommen und muß ehrlich sagen, ich war doch sehr angetan, wie ähnlich die Blätter (also für Holz) ausgefallen sind.
Man darf also gespannt sein, wie dann in so einem Jahr die Reaktionen der breiten Saxophongemeinde sein werden, wenn die meisten Blätter umgestellt sind und man etwas breitere Erfahrungen gemacht hat.
Sinnvoll finde ich auch die neue Stärke 3,0+ die zwischen 3,0 und 3,5 liegt, was die beiden meist gebrauchten Stärken sind und somit der Saxophonist die Chance hat passendere Blätter zu bekommen, wenn er ansonsten zwischen den Stärken pendelt.
Auch der Plastikreedguard hat ein kleines aber gut gelungenes Makeover bekommen.

Auch neu von D’Addario sind zwei Mundstücke, eines für Böhm Klarinette und ein Jazz Mundstück für Altsaxophon, welches ich nun etwas genauer getestet habe.
Vorweg, das Mundstück aus zwei Gründen interessant. Erstens stammt aus ebenfalls aus den D’addario CNC-Fräsen, die absolute Fertigungspräzision versprechen, also dass jedes Mundstück wirklich gleich ausfällt (was bisher kaum einem Hersteller wirklich gut gelungen ist in größerer Produktion). Und zweitens der recht günstige Prei für ein Kautschukmundstück von ca 140€.

Schon beim ersten Anspielen hatte ich sofort „Spaß“, was normalerweise ein vielversprechendes Zeichen ist. Ich war an dem Tag im Rahmen eines kleinen Saxophonfestivals unterwegs und hatte bereits schon ein paar Mundstücke (deutlich teurere und bekannte Hersteller) getestet, die mich aber eher kalt ließen.
D’Addario macht auch kein großes Geheimnis draus, woran man sich bei dem Mundstück orientiert hat. Aber wie ich raus gehört habe, ging man dabei sehr methodisch vor, von genauem digitalen abmessen, vergleichen, testen und Erstellung von 3d Modellen.

Das Ergebnis spricht für sich selbst. Eines der besten Vintage Meyer Kopien, die ich bisher gespielt habe. Man bekommt genau das, was man sich unter einem 50ziger NewYork Bop-Sound vorstellt: direkt, dunkel, fokusiert mit einem ehrlichen Charakter mit einem leicht härteren Bop-Attackfeeling.
Für die nächste zwei Wochen hat es mein Ted Klum Versitone Mundstück erstmal abgelöst und ich konnte es genauer testen.
Die Bahn zeigt sich nicht nur zu unfiled Blättern (Jazzcut) freundlich sondern harmoniert auch gut mit diversen filed Schnitten (Klassikcut). Es hohlt den Spieler gefühlt mehr ab; der Sound des Mundstückes kommt fast von selber, dafür ist es allerdings nicht ganz so modulationsfähig. Also während ich beim Versitone gerade nach längerem Spielen deutlich mehr Arbeit für meinen Sound leisten muß, klappt das beim Select alles deutlich relaxter solange man in einem Jazzkontext bewegt. Für Klassik oder modernere Stilistiken ist daher nicht mehr ganz so passend.

K1024_MJS-D7M_detail1In Kombination von Performance, Sound, Fertigungsqualität und Preis habe ich jetzt seit langem wieder ein Mundstück gefunden, dass ich JEDEM BLIND EMPFEHLEN kann, der für das Altsaxophon ein traditionelles Jazzmundstück sucht. Bei 140€ ist das definitiv kein Fehlkauf und besonders Saxophonisten, die noch nicht so viel Erfahrung haben und noch gar nicht genau wissen, was sie suchen/brauchen sollten das ruhig mal testen. Und diejenigen die auf den NY Altosound stehen sollten es auch bei nächster Gelegenheit mal anspielen (evt. spart man sich so 500€ bei der nächsten Ebayauktion für ein originales Meyer)
Ich könnte mir vorstellen, dass diese Konzeption (Design, Produktionsqualität und Preis) die Zukunft für den Mundstückmarkt ist. Dann müßten sich allerdings diese ganzen gehypten Handschnitzer, die 500Dollar und mehr für ihre Mundstücke verlangen, warm anziehen.

Ich habe auch noch die anderen Öffnungen im Vergleich gespielt gehabt und tatsächlich sind die Spieleigenschaften quasi die Gleichen. Also kann ich die 5er Bahn für alle Anfänger, Kinder und Personen mit schwacher Lunge (z.B. Raucher), die 6er für fortgeschrittene Hobby- und Gelegenheitsspieler und die 7er für alle, die etwas mehr spielen, empfehlen.
Eine Blattschraube ist zwar nicht dabei, aber inzwischen haben die meisten Saxophonisten da eh ihre Vorlieben und keiner braucht noch so ein billiges Blechding. (Wer wirklich noch nichts besseres hat, dem sei eine Rovner Star für 15€ ans Herz gelegt)
Da D’Addario quasi Rico ist/war dürften die Mundstücke auch bald in den meisten Saxophonläden verfügbar sein.

Ich möchte mich an der Stelle nochmal herzlich bei Artis Music und Musik Meyer GmbH für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplars bedanken.

Deutsche Homepage:
http://www.daddario-woodwinds.de/

Internationale Homepage
http://www.woodwinds.daddario.com/

2 Gedanken zu „Aus Rico wird D’Addario – im Test das neue Select Jazz Mundstück


  1. Habe mir zum Wiedereinstieg nach 15 Jahren Saxpause zum „neuen“ Alt ein neues Mundstück gegönnt. Nachdem ich im Musikladen alles was Rang und Namen in Metall und Kautschuk ausprobiert hatte, was mich aber nicht vom Hocker riss, kam der Verkäufer mit dem 7er um die Ecke. Das war Liebe auf den ersten Blick!
    Angefangen habe ich mit 2er Java Red. Super Kombi für Einsteiger. Die wurden mir dann aber irgendwann zu weich. Mittlerweile bin ich wieder bei klassischen 3er Ricos angelangt. Der Sound ist sehr vielseitig. Man hat die ganze Spannweite vom Subtone bis zu einem sehr hellen und funkigen Klang zur Verfügung. Die große Dynamik macht wirklich Spaß und man intoniert in allen Lagen problemlos und sauber! Das Sax ist ein sehr gutes SA80II von 1988.
    Bin mal gespannt, ob es bald auch eine Tenor-Version davon gibt. Dieses Teil auf dem Mark IV gibt sicher einen großen Spaßfaktor! 🙂


  2. Ich spiele auch ein Select Jazz Mundstück von D’Addario, Bahn 6.
    Da ich die Angewohnheit habe, das bestmögliche CNC Ergebnis immer noch zu hinterfragen, schickte ich es nach einem umfangreichen Probespiel zum Spezialisten SMG Custom (www.smg-custom.com).Das Ergebnis ist phänomenal. Noch leichter in der Ansprache und voller im Klang. Selbst die beste CNC Fräse schafft nicht das, was per Handarbeit möglich ist.
    Das Mundstück selber ist aber schon eine Empfehlung.

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