die deutsche Jazzproblematik

Der deutsche Jazz scheint in der Krise zu sein. Zumindest liest man das öfter mal. Mal geht es darum, dass es zu wenig neuen und inovativen deutschen Jazz gibt, mal, dass die jungen Jazzer nur ihr eigenes Zeug spielen und zu wenig die alten Meister können, mal, dass alles zu altbacken und komerz ist, mal, dass die Jazzpolizei nur am rum mäkeln ist, mal, dass Jazz sich nicht verkauft und jetzt aktuell wieder, dass Jazzmusiker unfair bezahlt werden.
Letzteres stimmt allerdings und das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Nicht umsonst handeln viele Jazzmusikerwitze um ein Taxi.

Anlass für diesen Artikel ist ein neuer Aufruf, der zur Zeit durch die sozialen Medien und die Blogossphere kreist. Eine Art Petitionen, bei der man mit seiner Email unterschreiben kann, wenn man die Forderungen teilt. Dort steht allerlei richtiges, sinnvolles und einiges was zum denken anregt und anderes, über das man vielleicht noch diskutieren müßte.
Aber am besten lest ihr erstmal selber:

der Jazzmusiker Aufruf

Auch wenn man vielleicht nicht mit allem einer Meinung ist, ist es definitiv ein richtiger Schritt in die richtige Richtung.

Ich weiß nicht, ob man den Vergleich zu Klassik so einfach ziehen kann. Aber dass Jazz immer noch so oft als „U-Musik“ abstempelt ist alles andere als Zeit gemäß.
Zwar sind wir in Europa da schon seit je her weiter als in Amerika in der Anerkennung von Jazz als Kunstform. Dort haftet ihm immer noch an, dass er ursprünglich aus den Bordellen von Louisanna stammt und jeder, der dort schon mal gemuckt hat, weiß dass man als Jazzmusiker oft nicht mehr wert ist als der Aushilfskellner.
Aber in Zeiten, wo die Jazzer meist ein abgeschlossenes Hochschulstudium haben, sind Gagen von 50 Euro eine Zumutung. Zumal die Spieler durch ihre akademische Ausbildung technisch aber auch inhaltlich auf einem hohen Niveau agieren, das mit reiner Unterhaltung wenig zu tun hat, sondern mit Kunst.

Eine aktive Interessengruppe muß her, das ist klar. Die UDJ scheint etwas „verstaubt“, zumindest wurde deren Homepage das letzte mal aktualisiert im Jahre 1999. Ob nun aber etwas nach dem Vorbild der amerikanischen Musikergewerkschaft anstrebt werden will, ist ein andere Frage.
Allerdings klappt der Dialog zur Politik und Förderern in anderen Ländern durchaus besser.

Als Klassiker hat man eine reelle Chance in einem der vielen staatlichen Orchester zu kommen. Je nach A, B oder C Orchester verdient man hier fast ähnlich viel wie ein Studienrat.
Jazzmusiker haben diese Option nicht. Die meisten verdienen ihr Brot mit Unterricht, der vielerorts schon recht gedumpt ist (ich habe schon von Studentarifen von 10 Euro gehört).
Kaum einer, kann sich nur mit seiner Kunst über Wasser halten.

Und an dieser Stelle werfe ich den Stein auch mal zurück. So richtig alles ist, so hat doch eine Umdenken bei Veranstaltern und Co. wenig Sinn, wenn nicht auch der Jazzkonsument umdenkt. Viele Jazzkonzerte mit etwas Anspruch, gerade der neuen jungen, haben eher wenig Resonanz. Als Jazzfan reicht es nicht, nur alte Platten zu sammeln und zu hören. Auf vom Sofa und geht wieder zu den Konzerten und lauscht, was eure lokalen Künstler können. Jazz ist sowohl historische Musik aber auch brandaktuelle die sich konstant am Puls der Zeit bewegt. Nur wer hingeht um es live zu hören, konsumiert es richtig. Und nur wer bereit ist, auch mal einen angemessenen Eintrittspreis zu zahlen, unterstützt Jazzmusik. Wer soll von 5 Euro Eintritt und 12 Gästen leben?

Also Aufruf unterstützen und wieder mehr in Konzerte gehen. Hab gehört, dass das auch Spaß machen kann.

Hier geht es zu den neusten Geschehnissen rund um die Debatte:
http://saxophonistisches.de/jazz-wars-the-udj-strikes-back/

11 Gedanken zu „die deutsche Jazzproblematik


  1. ok, da gibts so eine vermutlich wahre anekdote,die gerne erzählt wird:

    zitat:
    „beim jazzfestival in frankfurt kam mal ein extrem berühmter posaunist aus deutschland zu (vermutlich) freddie hubbard und stellte sich vor: guten tag , ich bin a.m., deutscher jazzmusiker !

    worauf mr. (vermutlich) hubbard geantwortet haben soll:
    es gbt keine deutschen jazzmusiker… “

    zitatende


  2. die UDJ ist dabei eine neue Webseite zu gestalten. Ich weiss es, da ich das Grundgerüst für die UDJ programmiert habe. Die müssen jetzt nur noch aktuelle Inhalte einpflegen und das Ding online stellen (dies entzieht sich allerdings meiner Zuständigkeit). Aber einen verstaubten Eindruck macht sie nicht, eher einen vernachlässigten – was wohl eher an Ressourcenmangel (Personen, Geldmittel, usw.) zu liegen scheint.


  3. worauf mr. (vermutlich) hubbard geantwortet haben soll:
    es gbt keine deutschen jazzmusiker… ”

    was soll ich gesagt haben??? 🙁


  4. Nicht der deutsche Jazz ist in der Krise, sondern die mediale (nicht-)Verarbeitung dessen.
    Der Unterschied zu früher liegt darin, daß jetzt jeder selbstberufene Experte ungescholte eine Stammtischanaylse verbreiten kann.


    • “ selbstberufene Experte ungescholte eine Stammtischanaylse “ bin damit auch ich gemeint 😉

      Wann läuft schon Jazz im deutschen Fernsehen? Nur dann, wenn alle schon schlafen. Das Publikum scheint oft gar nicht zu wissen, was es an Jazz haben kann. Aber der SZ-Artikel hat in dem Punkt recht, dass viele Jazzer sich nicht wirklich für die Musik ihrer Kollegen/Konkurrenz interessieren.

      Klar ist irgendwie jeder mit Schuld an der aktuellen Misere, aber die Veränderung muß schon von den Jazzern ausgehen und dafür müßten sich viele erstmal an die eigene Nase fassen.

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