JAZZ WARS – the UDJ strikes back

Viele dürften es inzwischen schon mitbekommen haben, es tobt in den Medien eine neue Jazz/Kultur-Debatte, die durch die Initiative „Jazz Musiker Aufruf“ ins Rollen gebracht wurde. Es wird eifrig argumentiert, gefordert, diskutiert und gestritten auf Facebook, den Feuilletons, der Blogosphere, den Foren und Stammtischen, ja sogar im Bundestag soll demnächst über die Rolle des Jazzes in Deutschland debattiert werden. Auch ich habe vor einigen Wochen ein kurzes Statement über die in der Tat etwas ungünstige aktuelle Lage deutscher Jazzmusiker geschrieben und dazu ermunterte wieder mehr in Konzerte zu gehen und den Aufruf zu unterstützen: die deutsche Jazzproblematik

Seit meinem letzen Artikel dazu, ist viel spannendes passiert. Eine gute Übersicht mit allen wichtigen Links hat Martin Meusinger auf seinem Blog gesammelt: Teil 1 und Teil 2

Schnell ging es in der Debatte nicht nur um die Forderungen des Aufrufes oder die suboptimale finanzielle Lage der Jazzmusiker. Nein, plötzlich ging es um alles. Neben dem Stimmen, die mehr Respekt(Subventionen) für Jazz als Kunstform forderten, argumentierten man wieder über den U und E Charakter der Musik. Einige fragen sogar, warum denn Musik Kunst sei und es gab auch ultra wirtschaftsliberale Stimmen, die meinten, was sich nicht verkauft geht zurecht unter.
Gottseidank gibt es noch zivilisierte Menschen, die „Kunst“ als förderungswürdig und fördungsbedürftig sehen (das war sie übrigens schon immer) und zwar durch die allgemeine Gesellschaft, auch wenn nur eine Minderheit wirklich in die Konzerte geht. (anders wäre Klassik überhaupt nicht überlebensfähig).
Aber es gab auch Stimmen von Berufsmusiker, dass Jazzer arm sein müßten, weil sie sonst keinen authentischen Blues spielen könnten (wurde im vollen Ernst so behauptet).

Besonders erregte der Artikel „Betriebsstörung“ in der SZ vom Münchner Saxophonisten Michael Hornstein vom 21.1.2012 (leider nicht mehr öffentlich) die Gemüter. Darin wurden viele heiße Eisen angesprochen: den Spagat des Jazz zwischen kommerzieller Unterhaltungsmusik und der brotlosen Kunst, dass Jazz keine gesellschaftliche Relevanz mehr hätte, dass nur noch Redakteure und Journalisten mit Jazz Geld verdienen, dass man sich nur noch für die jungen Musiker interessiere und die Alten das nachsehen haben, dass an den Hochschulen keine erfolgreichen Bühnenkünstler unterrichten sondern sich die Hochschulen nur neue Dozenten für sich heran züchtet, dass die Szene sich selbst nicht mal beachtet und dass sich die Musik in den letzten Jahrzehnten nicht weiter entwickelt hätte.
Da ging ein Sturm der Entrüstung los. Einige Musiker fanden sich zusammen und man schrieb einen gemeinsamen Leserbrief. Allerdings wurde darin leider nicht wauf die einzelnen Thesen eingegangen sondern alles als kategorisch falsch abgetan. Außerdem wurde die musikalische Kompetenz des Autors angezweifelt und wie er dazu käme, sich in der SZ so auslassen zu können. (Klar gab es da wahrscheinlich persönliche Bekanntschaften zwischen Autor und Redakteur. Ich persönlich finde es schon irgendwie ironisch sich in einem Artikel in der SZ (den er wahrscheinlich auch nicht umsonst geschrieben hat) darüber zu beschweren, dass nur noch Redakteure mit Jazz Geld verdienen)
Für mich wirkte das leider nicht, wie ein konstruktiver Beitrag zur Diskussion, sondern eher, als würde persönliche Wäsche gewaschen werden. Tja, Jazzmusiker sind halt doch Künstler und da bleibt das typische Gezicke auch in dieser Szene nicht aus.
Auch wenn ich Hornsteins Artikel nicht unterschreiben würde, so ist das gesagte leider nicht so einfach von der Hand zu weisen. Daher möchte ich auf einzelne Aspekte eingehen, die auch in der Debatte immer wieder auftauchen:

Zur gesellschaftlichen Relevanz des Jazzs: Viele meinen, dass Jazz eh keiner mehr hört,  mehr interessiert oder anspricht. Andere hingegen meinen, das liegt nur daran, dass in den Medien einfach kein Jazz mehr vorkommt und man dies einfach nur ändern müssse, dann würde auch die Nachfrage wieder kommen.
Es stimmt zwar, dass Charlie Parker und Count Basie nicht täglich im Fernsehn laufen, aber dennoch gibt es massig Jazz und jazznahe Musik in den Medien:
-Soulmusik ist gerade wieder in dank Amy Winehouse, Peter Fox oder Flo Mega der gerade im kommen ist (Überraschungserfolg bei Bundesvision Songcontest)
-Jamie Cullum, Roger Cicero, Max Raabe und Michael Buble sind ebenso wahnsinnig erfolgreich
-Esperanza Spalding (Jazzbassitin und Sängerin) gewann letztes Jahr den Grammy als Best New Artist (vor Justin Bieber)
-letzten Eurovision Songcontest wurde ein Jazzer zweiter
-die Platte „Swing when you are winning“ von Robbie Williams war ein riesen Erfolg
-Till Brönner sitzt in der Jury einer dieser ständig ausgestrahlten Castingshows
-die Heavy Tones von Stefan Raab sind eine der fähigsten Jazzbands in Deutschland und sind fast täglich im TV
-ständig hört man Jazz als Filmmusik oder Hintergrundmusik irgendwelcher Serien

Wer sich beschwert, dass sei doch alles zu poppig, nun ja das ist halt zeitgemäße Musik für ein breiteres Musikpublikum. Für die „echten Jazzhörer“ gibt es auch genug im TV und Radio, nur meist sehr sehr spät.
Mich stimmt das eher optimistisch. Jazz hat immer noch seinen Stellenwert und die guten Musiker im Rock/Pop bereich sind halt oft eigentlich Jazzer.

Aber das ist eher alles im Unterhaltungsbereich einzuordnen. Aber auch im künstlerischen Feld tut sich so einiges. Es gibt viele Spannende neue Projekte, nur werden die oft nicht so wahr genommen. Der verstaubte Fjordjazz der in den letzten Jahrzehnten mondän war, wird durch Leute wie Mehldau, Redman und Co abgelöst und ich meine Tendenzen zu einer eher poppigeren, leichteren und witzigeren Jazzmusik zu hören (rein persönliches Empfinden). Dass das die geistig gestrigen Bebop-Nazis nicht interessiert, ist ein anderes Thema. Man kann es halt nicht jedem recht machen. Und was ist schon eine Kunstszene wert, in der alle einer Meinung sind.
Es stimmt aber nicht dass es einen künstlerischen Stillstand gibt, nur wird der leider oft nicht wahr genommen. Und hier bedarf es öffentlicher Förderung z.B. in Unterstützung von Jazzfestivals, Konzertreihen oder Jazzclubs.
Aber auch könnte die Szene als solche sich etwas mehr gegenseitig wert schätzen. Den in der Tat  habe ich oft das Gefühl, dass sich Musiker oft nicht wirklich für die Musik ihrer Kollegen interessieren. Besonders groß ist der „Riß“ zwischen der Hochschulszene und den „nicht studierten“. Die Studenten nehmen meist nur ihr Umfeld an der Hochschule wahr und anf der anderen Seite empfindet man Hochschüler  als arrogant. Aber auch das ist ein Thema für sich….

Es gibt aber auch viele Musiker, die die Diskussion eher kalt läßt weil doch eigentlich alles gut sei oder meinen man müsse nur gut genug spielen, dann verdient man auch genug. Es ist aber Fakt, dass Gagen (sowohl für Auftritte als auch Unterricht) massiv gesunken sind, es weniger Auftrittsmöglichkeiten gibt, es aber mehr und besser ausgebildete Musiker gibt. Es gibt als ein reales Problem und es sollte etwas geschehen. Aber was? Vielleicht hilft da ein Blick zu unseren Nachbarn, denn dort läuft es teilweise echt besser.

Also zumindest regt sich jeder über jeden auf. Besonders Musiker über andere Musiker (dumpen die Preise, können nicht spielen, sind zu uninteressant, sind arrogant), Medien (man wird zu wenig hofiert, liefern nur billigen Popscheiß und bringen kein Niveau), Publikum (hat keine Ahnung, ist zu geizig), Veranstalter (Buchen zu wenig, machen zu wenig Werbung, zahlen zu wenig), Politik (fördert zu wenig), GEMA (die sind grundsätzlich an allem Schuld).

Man sieht, die Diskussion ist spannend und nötig, aber tut sich auch was? Von Kollegen älteren Semesters habe ich mehrfach schon gehört, „ach, so eine Diskussion gibt es alle 15 Jahre mal und verläuft dann wieder im Sand“. Allerdings gab es vor 15 Jahren noch keine Soziale Medien wie jetzt. Was den arabischen Frühling ermöglichte sorgt auch hier zu einer bisher nie dagewesen Vernetzung der Musiker. So könnte sich möglicherweise eine echte Bewegung bilden. Und es gibt auch konstruktive Stimmen, die weiter denken. Besonders hat mir der Artikel von Reiner Michalke(ist im Netz noch irgendwo zu finden) (wieder) aus der SZ gefallen. Seine These „Jazzmusiker haben jahrelang durch lohnverzicht ihre Musik subventioniert“. Hier wird auch zum ersten mal vernünftig drüber nachgedacht, wie man den neues Geld am besten nutzen könnte.

Meine rein PERSÖNLICHEN 2cent zu möglichen Lösungsvorschlägen wären folgende: Erstmal müssen sich die Musiker an die eigene Nase fassen. Von alleine oder nur diskutieren passiert nichts. Regionale Musikerinitiativen könnten Mindestgagenempfehlungen aussprechen, so dass sich Musiker sich nicht mehr gegenseitig das Geschäft verderben und Veranstalter wissen, was eine faire Bezahlung ist statt dem Satz „Ihr könnt einen Hut rumgehen lassen“.
Die GEMA könnte es Veranstaltern auch leichter machen, indem sie nicht für jede Minisession oder kleines Jazzkonzert ihre GEMA U-Musik Vermutung stellen würden. Interessantes Beispiel: selbst wenn der Künstler GEMA-Mitglied ist und nur Eigenkompositionen spielt, bekommt er später nicht so viel wieder, wie der Veranstalter abdrücken muß. Durch neue, einfachere und faire Regelungen könnte man den Veranstaltern echt unter die Arme greifen, denn viele scheuen jetzt den Verwaltungsaufwand und die Kosten.
Und ich wiederhohle mich, alle (Publikum und Musiker) müssen mehr in live Konzerte gehen!

Aber eine Sache ist tatsächlich schon passiert und zwar bei der Union Deutscher Jazzmusiker (UDJ). In den letzten Wochen ist nicht nur eine neue Homepage, ein Twitter -und Facebook-Account gekommen, sondern es fanden echte Umstrukturierungen statt. Die Initiatoren des Jazzmusikeraufrufes haben sich mit der UDJ zusammen gesetzt und es wurde ein neuer „junger“ Vorstand gewählt. Hier scheint jetzt echt etwas zu passieren. und die neue UDJ scheint voller Tatendrang die Forderungen aus dem Aufruf jetzt umzusetzen. Ein geschlossenes aktives Sprachrohr ist bitter nöttig, wenn auch die Jazzszene etwas mehr von den Subventionstöpfen abhaben möchte.
Zudem dürfte deren Facebookgruppe zum neuen Zentrum der Debatte werden. Wer also auf dem laufenden bleiben möchte, sollte diese „liken“. Und wer aktiv mitgestallten möchte, sollte sich überlegen bei der UDJ sogar einzutreten.

Union Deutscher Jazzmusiker auf Facebook

PS: weitere Presseechos hat mal wieder Martin gesammelt.
http://hoerart.blogspot.com/2012/02/die-union-deutscher-jazzmusiker.html

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