Skandal beim Jazz Echo! wirklich? – ein persönlicher Kommentar

Hierum geht’s:

http://www.3sat.de/mediathek/…

Ein Dokumentation um die Saxophonisten Anna Lena Schnabel, ihrem Jazz Echo und das ihre Musik nicht allgemein gefällig genug ist.
Gefolgt wurde der Film von diesem Artikel auf Zeit Online:
http://www.zeit.de/kultur/musik/2017-10/der-preis-der-anna-lena-schnabel…

Skandal! Die Künstlerin darf nicht ihre eigene Musik spielen! Der NDR zensiert!

Wirklich?
Der Artikel und die Doku, geisterten bei mir massiv in meiner Facebooktimeline. Geschätzt jeder zweite Jazzkollege hat es geteilt.
Das Bauchgefühl hat schlagartig gesagt „typisch, die Jazzer werden mal wieder ausgebeutet, keiner respektiert unsere Kunst und bezahlt uns ausreichend!“

Ging mir genauso, allerdings fand ich das alles auch ein wenig merkwürdig und habe mich mal ungewöhnlicher Weise zurück gehalten.
Ich wollte tatsächlich abwarten bis das Medienmagazin Zapp dazu recherchiert hat. Meiner Ansicht nach einer der vertrauenswürdigsten Quellen in unserer Medienlandschaft, welches auch oft genug sehr kritisch über das eigene Haus berichtet hat.
Und siehe da, doch alles nicht ganz so, wie skandalisiert:

http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/ECHO-Jazz…
(unbedingt für alle Fakten und Ablauf lesen)

Und jetzt möchte ich doch meinen ganz persönlichen Kommentar zu dem Thema abgeben, da es ja auch schon wieder über die Vergütung und Respekt des Thema Jazz allgemein geht.

zur Dokumentation selber
Den Film an sich halte ich für ein schönes Künstlerportrait. Schöner Schnitt, schöne Kommentare über Anna Lena Schnabel und sie selbst hat man auch – so denke ich – als Musikerin bezaubernd ins Szene gesetzt.
Allerdings halte ich den Film, als Medienkritik und als Kritik am Umgang mit Kunst/Jazz für schlecht recherchiert und fragwürdig im Ergebnis. Und ich glaube, dass man der wahrscheinlich mit großen Medien unerfahrenen Schnabel keinen Gefallen getan hat, sie so in die Diskussion zu werfen.
Dass sie sich jetzt medial etwas zurück gezogen hat, spricht dafür, dass sie sie sich mit der Situation gerade etwas überfordert fühlt. Wer kann es ihr verdenken.
Der Zeit Artikel von Ulrich Stock „jazzt“ dann das ganze zum Skandal beim NDR hoch.

Allerdings wurden da wohl ein paar journalistische Fehler (sowohl in der Doku als auch beim deutlich extremeren Artikel) begangen. Das fängt dabei an, dass man beim Beschuldigten wohl keinen Kommentar eingeholt hat, bzw. die Geschichte ausreichend geprüft hat.
Der NDR ist Ausstrahler und nicht entscheidender Organisator (Bundesverband Musikindustrie). Also ziemlich falscher Adressat das so alleine dem NDR in die Schuhe zu schieben. (Offentlichrechtliches Basching ist bei Onlinemedien ja gerade en vogue, aber das ist ein anderes Thema)

Jazz Echo
Schnabel musste auch nicht irgendein Mainstream Titel wie Take 5 oder so spielen, sondern die Veranstalter wollten ein Stück von ihrer CD und haben sich eines von vier Vorschlägen ihrer Produktionsfirma/Plattenlabel raus gesucht. Vielleicht fanden sie es gut, wenn Frau Schnabel ein Stück von Horace Silver spielt oder vielleicht war es das beste bzw. das allgemein gängiste Stück. Ich kann sehr gut verstehen, dass Schnabel enttäuscht ist, dass nicht eine Eigenkomposition gewählt wurde, aber von „nicht dürfen“ kann so nicht die Rede sein. Es scheint wohl eher einige Probleme bei der Absprache gegeben zu haben.

Genauso mit dem Vorwürfen, dass der Bruder eine teure Karte kaufen mußte, Hotel und Fahrtkosten selbst getragen werden müssen und dass der Preis nicht dotiert ist.
Der Echo Jazz ist ein Galaevent, eine Werbeverantaltung um mehr Jazzplatten zu verkaufen und daher muß sie möglichst mainstreamig sein.
Jazz ist Nischenmusik, besonders avangardistisches Zeugs kann unbescholtene Konsumenten eher abschrecken als anlocken. Dazu später mehr.
Ich finde es daher legitim, dass der Veranstalter einen Song also „zu krass“ ablehnt, (auch wenn das für den Künstler bitter ist) und sich ein anderes von der CD aussucht. Das war sicher keine böse Absicht, dass es dann keine Eigenkomposition wurde.
(Allerdings möchte ich mich hier nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Ich war nicht im Raum, aber anscheinend auch so manch ein anderer auch nicht)

Warum sollte er dotiert sein? Warum sollten alle Unkosten vom Veranstalter getragen werden? Es ist eine von der Musikindustrie selbst organisierte Veranstaltung, bei der sie deutlich drauf zahlen. Wo soll das extra Geld also her kommen?
Vergleichen wir das mal mit anderen Redcarpetevents. Was würdet ihr davon halten wenn man Til Schweiger beim Bambi alles zahlt und er dann mit der ganzen Familie in der ersten Reihe sitzt?
Eigentlich organisiert und zahlt das Label des Künstlers Reise und Unterbringung (welches da war etwas planlos war). Doku und Aktikel unterschlagen auch, dass jeder Teilnehmer eine Freikarte für eine Begleitung bekommt. Diese ging an die Mutter. Dass eine weitere Karte in der ersten Reihe bei so einem Event nicht ganz billig ist, finde ich verständlich.

Und das es kein Geldpreis gibt, ist denke ich doch auch OK, wenn sich die CDs mit dem Echolabel zehn mal so oft verkaufen und der Künstler noch GVL-Einnahmen kassieren kann über den Fernsehauftritt.
Den Echo Jazz zu bekommen ist eine Ehre und es ist eine fantastische Gelegenheit da spielen zu dürfen. Es ist hierzulande die wichtigste Auszeichnung im Bereich Jazz und hebt den Künstler in deutlich lukrativere Auftrittsspähren. Auch der Rummel um den Skandal dürften helfen, dass Schnabel in nächster Zeit nicht für 40€ auftreten muß. Ich denke, da muß man als Künstler nicht ganz so grießgrämig sein, wenn nicht alles ideal gelaufen ist.
Und auch auf der Homepage von Anna Lena Schnabel prangt recht deutlich das Echo Label.

Frauen im Jazz
Hier möchte ich mich kurz halten, bevor ich ins Mensplaining abrutsche.
Ja, es gibt zu wenig Frauen im Jazz, besonders wenn man Sängerinnen außen vor lässt.
Weiblich zu sein muß allerdings nicht immer ein Nachteil sein. Gerade in einer Branche, in der Optik sich mit verkauft, haben Frauen einen Exotenstatus der gerne gebucht wird. (Ich wurde tatsächlich mal für eine Mucke angefragt, ob ich denn nicht ein weiblicher Saxophonist wäre oder eine empfehlen könnte.)
Ja, dumme Sprüche gibt es zu Hauf. Im Jazz wimmelt es auch von Männern mit zu großem Ego (Musiker halt). Aber die meisten Frauen, die ich im Jazz kennen gelernt habe, können da sehr gut kontra geben.
Und anders als in der Doku behauptet, gibt es min. eine weibliche Professorin im Jazz:  Julia Hülsmann (war auch im Vorstand der UDJ)(allerdings auch nur Gastprofessur). Auch wieder ein Beispiel für mangelnde journalistische Genauigkeit.

Kunst vs. Geld
Das Thema ist alt. Finde ich, dass Jazzmusiker zu wenig Geld verdienen? Ja!
Beziehungsweise, ich finde, dass ich zu wenig verdiene. Und das ist, denke ich, meist der eigentliche Knackpunkt in der Debatte.
ABER, Jazz ist Nische, besonders eigener mit künstlerischem Anspruch. Man kann niemanden zwingen, es gut zu finden und dafür viel Geld zu zahlen. Keiner ist heute mehr bereit für eine quasi unbekannte Band 15€ pro Konzert oder CD zu zahlen. (wer kauft heute eigentlich noch CDs?).
Die Debatte ist neu und vor ca. 5 Jahren ging es das letzte mal „groß“ durch die Medien. Dazu bloggte ich:
http://saxophonistisches.de/die-deutsche-jazzproblematik/
http://saxophonistisches.de/jazz-wars-the-udj-strikes-back/

Jeder warnt einen, bevor man Musiker wird (besonders bei Jazz): „Da verdienst du nichts“. Sich dann nachher darüber zu beschweren halte ich irgendwie für schwierig.
Ich habe Kollegen, die meinen, „sie ziehen ihr (musikalsiches) Ding durch und es ist ihnen egal, wie sehr es dem allgemeinen Publikum gefällt“. Das ist zwar aus rein künstlerischer Sicht bemerkenswert, aber dann muss man sich nicht wundern, wenn das Geld knapp ist.
Man kann als Musiker schon gut (erher brauchbar) leben, aber dazu gehört halt auch gutes Selbstmarketing und Zeugs zu spielen, was nicht unbedingt die eigene Lieblingsmusik ist. Wer hat schon nur Spaß in seinem Beruf und auch ich habe dieses Jahr schon ein paar Hochzeiten hinter mir und bin gelegentlich von unfleißigen Schülern genervt.
Kaum ein Jazzmusiker kann hierzulande nur von seiner eigenen Musik leben. Dafür ist die Nische zu klein und das Angebot zu groß. Aber gerade deswegen hilft ein Echo Jazz in der Vita schon enorm.

Allerdings finde ich schon, dass der Konsument pro Konzert oder für Unterricht ruhig ein bis zwei Euro mehr ausgeben könnte, es sich die Veranstalter (Lokations) sich etwas mehr kümmern könnte (oft muß eine Band sämtliche Orga, Werbung und Risiko selber stemmen) und sich die Szene etwas besser um öffentliche Fördermittel kümmern könnte.
Die Klassiker haben da eine recht starke Lobby. Jedoch ist ein Orchester ohne staatliche Hilfe überhaupt nicht aufrecht zu erhalten, während sich ein Jazzquartett schnell mal organisieren lässt. Und wie eine Bigband oder ein Symphonieochester gebraucht wird, ist auch nicht zu vergleichen.
Als Jazzmusiker ist man deutlich flexibler im Einsatz, aber was macht man, wenn man als Oboist keine Orchesterstelle hat?

Schlussgedanke
Das Problem „Jazz und seine Rezeption“ ist alt und die Situation wird sich wohl absehbar nicht wirklich verbessern. Ich bezweifle, ob die jetzige Debatte wirklich hilft, zumal – so wie es mir scheint – am Skandal eigentlich nichts dran ist. Es hat doch zu sehr in in unsere Vorurteile und Bauchgefühl gepasst, dass wir das alles sofort weiter geteilt haben.
Vielleicht widmen wir uns da doch wieder dem essentiellen, der Musik und hören etwas Jazz von Anna Lena Schnabel, denn es handelt sich hier um eine begnadete Musikern mit echtem Ausdruck die ihren Echo vollkommen zurecht verdient hat. Daran gibt es hoffentlich keinen Zweifel.

https://www.annalenaschnabel.com/

13 Gedanken zu „Skandal beim Jazz Echo! wirklich? – ein persönlicher Kommentar


  1. Julia Hülsmann hat keine Professur. Sie ist derzeit Gastprofessorin am Jazzinstitut Berlin. Es gibt tatsächlich keine weibliche Instrumental-Professorin in Deutschland!


  2. Hmm.. ich halte die Doku schon für wesentlich differenzierter, als sie es hier darstellen. Vielleicht nochmal schauen (siehe weibliche Professur).. Und es ist ein Porträt, keine Medienkritik. Anders als der Zeit Artikel. Til Schweiger mit Frau Schnabel zu vergleichen … Echt jetzt… und sie haben viel Verständnis fürs Establishment! Ein zu braver Soldat…


    • ganz genau, ich werden von DENEN bezahlt.

      Eben, in dem Beitrag wird gesagt, es gäbe keine weibliche Jazz Professorin. Julia Hülsmann ist bekannt.
      Und vielleicht nochmal meinen Artikel lesen. Mein Eingangsstatement ist, das der Film ein schönes Portrait ist, aber es lässt Frau Schnabel mit ihren Aussagen ins Messer laufen. Das hätte überprüft werden müssen, was der NDR dazu sagt und ich vermute, ohne diesen Aufhänger, hätte es diese Doku nicht gegeben.
      Wenn die Schnabel Pech hat, wird ihr das lange nachhängen.


  3. also hier ist prof. meistens eine honrarprofessur, was aber kein honorar bedeutet, sondern die ehre. es sind nichtmal angestellte, sondern nur lehrbeauftragte, die ohne arbeitsvertrag befristet arbeiten. is völlig ok als erbe oder partner_in von einkommensstarken partner_inn_e_n.

    ach ja frau schnabel: die kann wenigstens spielen. warum diese ganzen hobby saxophonmenschen sie dafür verachten, wird mir ein rätsel bleiben, ach ne… doch nicht…

    😀


  4. Der Film ist nur am Rande Medienkritik, insbesondere ist er – neben dem Musikerinnenportrait – eine Kritik der fragwürdigen Echo-Veranstaltungeb. Im Klassikbereich gibt es seit langem ähnliche Diskussionen, und es gibt hier wie dort viele Künstler, denen nicht viel an diesem Preis liegt.
    Wenn ich an die Einlassungen des NDR-Vertreters denke, zeigt sich eine interessante Mélange aus Unwissen, Ignoranz und Arroganz, die sich allerdings nicht eigentlich gegen diese eine Künstlerin wendet, sondern gegen alle ausgezeichneten Musiker. Er sollte durchaus wissen, dass die Budgets im Nischenmarkt Jazz bei den Labels – erst recht bei den Nicht-Majors – so klein sind, dass keine Möglichkeit besteht, für die Teilnahme an dieser Veranstaltung Gage und Reisekosten zu zahlen. Zum Thema Gerechtigkeit könnte noch die Frage angeschlossen werden, ob denn auch die Moderation des Abends ohne Gage aufgetreten ist – mit größter Sicherheit nicht!
    Eine Korrektur am Rande: der bedeutendste Jazzpreis im deutschsprachigen Raum ist ganz sicher nicht der Echo, sondern natürlich der Deutsche Jazzpreis/Albert-Mangelsdorff-Preis. Das sollte eigentlich jedes UDJ-Mitglied wissen ;-).


    • Künstlerisch ist der Albert-Mangelsdorff-Preis sicher gewichtiger, aber ehrlich gesagt, für mich scheint der vor allem für die Szene wichtig.
      Der Echo Jazz ist halt kommerziell und hat die größere Reichweite. Und wenn ich von bedeutend rede, spreche ich nicht nur darüber, was für die Jazzmusiker bedeutend ist, sondern die allgemein Reputation.
      Wenn wir es mit dem Medium Film vergleichen gibt es viele künstlerisch bessere Filmpreise als den Oskar, dennoch ist der der wichtigste.

      Klar, an den Medien kann man viel kritisieren und wie kommerzialisiert der Echo ist. Aber dann darf man sich nicht im selben Zug aufregen, dass man als Jazzmusiker so wenig Geld verdient. Wer mit der Musik richtig Geld verdienen will, muß halt das Spiel mitspielen.
      Ich persönlich meine, dass beide Welten ihre Berechtigung haben und dass beiden etwas weniger Arroganz gut täte.

      Und zur Logik mit den Labels und Unkosten. Da der Preis von der Musikindustrie ausgetragen wird, zahlen es so oder so die Labels. Also wo sollte bitte sonst das Geld her kommen. Und es ist ja nicht so, dass das Label nichts an den zusätzlichen Verkäufen durch die Auszeichnung verdient.


  5. Ich kann die Verteidigung des NDR nicht nachvollziehen. Der NDR ausstrahlender Sender ist einer der Hauptakteure bei der inhaltlichen Gestaltung der Veranstaltung. Diese zielt erkennbar auf Veröffentlichung im TV ab und ist entsprechend gestaltet. Die Reduktion des NDR als bloß Übertragenden ist realitätsfern. Und der Druck auf ALS. bitte dieses und jenes Stück nicht zu spielen, wird da gewesen sein. Allein das Machtgefälle und die im 3Sat-.Film erkennbare Reaktion sprechen dafür. Sich auf eine aus dem Hut gezauberte Email zu berufen, erscheint mir gerade zu billig. Die Moderatoren werden üppig abgerechnet haben, die mit der Durchführung beauftragte Veranstaltungsagentur ebenso… Gespart wird beim Künstler. Mir fällt nur ein Wort ein s-c-h-ä-b-i-g.! Sorry, für die Polemik an dieser Stelle.


    • legitime Argumente aber IMHO zu einseitig und realitätsfern gedacht.
      Man kann nicht einerseits sagen, die Künstler bekommen zu wenig und gleichzeitig, es ist alles zu Kommerz.

      Ich finde, dass ein prominenter Moderator wichtig ist und bezahlt werden sollte. Ich finde auch, dass für die Organisation eines so großen Events eine gute Agentur braucht. Warum sollte die umsonst arbeiten?

      Es ist ja nicht so, dass die Künstler und Labels vom preis finanziell nix haben und es ist auch nicht so, dass der Künstler Fahrt und Hotel am Schluss selber zahlt.

      Wo soll denn das extra Geld herkommen, wenn der Plattenverband schon drauf zahlt?

      Und ich glaube den Veranstaltern, dass man sich mit der ALS vorher geeinigt hat und ich glaube auch der Aussage, dass darüber nochmal hätte reden können. „Machtgefälle“ finde ich hier die falsche Vokabel, vielleicht „individuelle Überforderung in der Situation“ passender. Ob die Reaktion danach ihr wirklich einen Gefallen tut, wage ich zu bezweifeln. Und das ist einer meiner Vorwürfe an den Machern der Dokumentation und des Artikels.

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