Ein paar Gedanken zur Übmethodik

Vorweg, ich werdet von mir hier jetzt keine explizite Anleitung bekommen, wie ihr etwas zu Üben habt. Ich werde mir hier auch nicht anmaßen, hier jetzt eine Große Wahrheit zu verkünden, sondern ich fasse jetzt ein paar meiner Gedanken, Meinungen und Methoden von mir zusammen. Ich stehe eigentlich selber auch noch relativ am Anfang meines saxophonistischen Weges. Es kann also durchaus sein, dass in einem Jahr das eine oder andere nicht mehr ganz so sehe. Zudem geht es noch weitaus tiefer in Lernmethodiken und wie unser Gehirn bei so etwas arbeitet, als die meisten jetzt hier ahnen. Mit dem Thema wurden schon ganze Regale gefüllt.

Aber eines steht für mich fest, die eine absolute und einzig wahre und richtige Methode gibt es nicht. Alles was von sich behauptet, die beste oder schnellste Methode zu sein oder zu haben, liegt schon am Anfang ziemlich falsch.
Ich bin an sich ein sehr fauler Mensch und übe eigentlich zu wenig. Daher habe ich eigentlich nur eine Maxime: die beste Übmethode ist die effizienteste Übmethode.
Damit ist gemeint, dass ich mit möglichst wenig Übaufwand möglichst viele Fortschritte mache.

Diese Mittelchen und Wege funktionieren aber nicht bei jedem gleich. Jeder hat unterschiedliche Fähigkeiten, Talente, Voraussetzungen, Ambitionen und Zielrichtungen. Doch allgemein halte ich problemorientiertes Üben für sinnvoller als so allgemein gehaltene Übungspläne. Oft höre ich von Lehrern oder lese in Schulen, dass man doch idealer Weise pro Tag 15min Soundübungen, 20min Intonation, 20min Skalen und Appegien, 15min Blattlesen, 15min Licks Üben und auswendig lernen, 30min diverse Stücke üben, 30min improvisieren, 30min Jazzplatten hören, 35min Klassikplatten hören, 40min Charlie Parker anbeten, 70min Blattpflege uswusw.
Antiquierter Schrott meiner Meinung nach. Warum sollte jemand, dessen Finger 64tel spielen können genauso lange Skalen üben wie Soundübungen machen, wenn er einen Sound wie eine sterbende Giraffe und eine unterirdische Intonation hat.
Legt eure Übungsschwerpunkte auf das, was ihr nicht könnt. Den Kram zu üben, den man schon kann, finde ich ineffizient und zu bequem.

Der moderne Mensch ist nicht so multitaskfähig, wie er gerne glaubt. Daher eine weitere Faustregel: reduziert eure Übungen auf das Kernproblem. Es bringt nichts zu versuchen, sich eine neue Skala in allen Tonarten drauf zu drücken und dabei gleichzeitig Zungen- und Fingergeschwindigkeit und dabei gleichzeitig noch auf Intonation und Sound zu achten.
Wirklich konzentrieren kann der Mensch sich nur auf eines. Deshalb klappt auch alles geübtes in Stücken selber nie so gut, weil man sich da vornehmlich auf die Noten konzentriert.
Geübtes sitzt nur dann, wenn ihr es unterbewusst – quasi voll automatisch – abspulen könnt. Daher macht die Übungen gründlich und gewissenhaft bis sie wirklich sitzen. Gepfutsches Geübe kann man sich gleich sparen. Es gilt fast immer, langsames Üben ist schnelles Üben.

Also teilt euch eure Übzeiten sinnvoll ein. Zudem ist die Konzentrationsfähigkeit eines modernen Menschen äußerst begrenzt. Aktuelle Meinungen liegen bei ca. 17min wirkliche Konzentration. Das heißt 6 Stunden Dauerüben sind für’n Arsch. Legt euch also die schwersten Brocken nach vorne und das fürs Hirn nicht so anstrengende eher nach hinten und macht auch mal zwischendurch eine echte Pause.
Da muß ich jetzt auch viele Hobbysaxophonisten vor den Kopf stoßen, die Saxophon nach der Arbeit aus Ausgleich und Entspannung sehen. Echtes Üben ist Arbeit! Alles andere ist eher dudeln, aber das muß auch drinne sein. Wenn ihr 30min hochkonzentriert geübt, dann muß auch etwas für die Motivation getan werden. Wenn ihr euch nur in der Übzelle frustet, bringt die Sache sowieso nichts. Daher besetzt euren Übplan auch immer mit genügend das Spaß macht, aber wie gesagt, durch manche Sachen muß man sich einfach auch mal konzentriert durch quälen.

Des weiteren kann auch ein Übetagebuch oft viel Sinn machen. Man bekommt so einen besseren Überblick, was man geleistet hat und man kann sich schnell Notizen machen (also ggf. ein Heft mit Notenlinien).

Nachdem ich jetzt furchtbar allgemein geblieben bin, möchte ich doch noch etwas konkreter werden.

Sound und Intonation
Ich meine, dass der Sound der wichtigste Aspekt beim Saxophon ist, daher sollte jeder Saxophonist da einen besonderen Schwerpunkt legen. Es interessiert kein Schwein ob ihr 1024tel spielen könnt, wenn ihr scheiße klingt.
Sound und Intonation hängen meiner Ansicht nach stark zusammen, da es bei beidem dermaßen auf das Hören ankommt (und nicht so viel über die reine Ansatzphysik wie viele denken). Das effektivste sind wohl wahrscheinlich intensiv gespielte Longtones. Es gibt da verschiedene Übungen aber nehmt euch da zeit euch zu zuhören. In meinen Artikel dazu gehe ich auf die verschiedensten Faktoren ein, aber auch hier rate ich euch wieder, konzentriert euch nicht auf alles gleichzeitig.
Auch bin ich der Meinung, dass man sich nach kurzem Einspielen am Anfang immer zumindest  minimal 5min mit dem Sound beschäftigt. Erstens, damit das zur Routine wird und zweitens um euch quasi auf einen guten Sound “einzupegeln”. Oft ist es so, wenn man das Saxophon auspackt und sofort loslegt, bläst man nur irgendwie rein. Wenn man sich aber 5min am Anfang ganz konkret damit beschäftigt, bleibt das eher für den Rest des Übens/Spielens so hängen. Man eicht quasi sein Ohr vorher auf einen guten Sound ein.

Aber alles weitere und genauere findet ihr in diesen Artikeln:
Longtones
Tipps und Tricks
klassischer vs. moderner Ansatz
so spielen um so zu klingen
Atmung
Hals

Technik und Skalen
Eigentlich ist das Sax ein einfaches Instrument verglichen, z.B. mit dem Klavier oder einer Geige oder gar einer Trompete. Es gibt sau gute Saxophonisten, die eine Kackfingertechnik haben. Naja, beim Saxophon geht es ja nur um Klappe auf und Klappe zu. Die Finger bleiben quasi auf den Tasten und das Sax überbläst ganz bequem eine Oktave. Das ist sogar leichter als Blockflöte. Dennoch, eine gute Fingertechnik schadet nie.

Für die reine Fingertechnik schaut ihr mal hier rein.

Auch hier weise ich nochmal drauf hin, das Skalen/Tonleiter-Üben nicht gleich Skalen/Tonleiter-Üben ist. Man sollte auch hier wieder zwischen den einzelnen Faktoren trennen, die reine Fingertechnik, die Geschwindigkeit der Finger, die Geschwindigkeit der Zunge, die Koordination von Zunge und Finger und natürlich die Tonleiter selber.
Oft hakt es eher an einer Sache und dann werden irgendwelche komplizierte Skalen benutzt und man macht sich unnötig Gehirnfasching. Wenn es an der Koordination zwischen Zunge und Fingern liegt, warum sollte man das mit C#-Alteriert üben. C-Dur reicht da vollkommen. Je weniger Hürden, die nicht mit dem Kernproblem zu tun haben, desto besser. Und wenn es euch erleichtert, dann legt euch die Noten vor.
Allerdings, wenn ihr die Skalen und Tonleitern selber lernen wollt, macht das aus den Kopf. Alles was ihr stur von den Noten ablest wandert nur langsam ins Gedächtnis eurer Finger.

Zuletzt kommen im wahren Leben nicht nur Halb- und Ganztonabstände vor. Das heißt, ihr könnt Skalen, Tonleiter und Fingerübungen soviel üben wie ihr wollt, das heißt aber nicht, dass ihr technisch für die Noten Kuddelmuddels aller anspruchsvoller Stücke gefeit seid. Außerdem in der Improvisation, spielt man selten nur Skalen hoch und runter (Obwohl das auch schon mal vorkommt, selbst bei Hochschülern, da sind da aber die benutzten Skalen etwas abgefreakter).
Daher sollte man auch andere Fingerübungen machen. Es gibt Tonnen von Büchern dazu, aber die sind eigentlich überflüssig, weil man die sich leicht selber zusammen stellen kann.
Ein paar Beispiele. In 8tel 3 terzen (also Tonleiter eigene Töne) hoch, dann eine Sekunde hoch und drei Terzen runter. c e g h, c a f d, e g h d, e c a f  usw. und dann wieder runter.
So kann man sich durch durch alle Skalen arbeiten.
Oder folgendermaßen c e g h, a g f e, d f a c, h a g f usw.
Warum nicht mal in Quarten, oder Triolen. Warum nicht gestoßen und gebunden Variieren. Oder sucht euch andere Motive, mit denen man so arbeiten kann.
Ihr seht, es gibt eine Vielzahl an Möglichkeiten. Man könnte jeden Tag eine neue Übung erfinden. Und wie gesagt, macht die im Kopf (nicht aufschreiben). Solche Übungen verursachen gerne mal Synapsensalat, aber dadurch sind sie effektiv.

Timing
Das ist keine kleine chinesische Edelhure, sonder einer der wichtigsten Bestandteile in der Musik. Vor allem im Jazz muß die Time stehen wie der Fels in der Brandung. Manchen Leuten liegt das im Blut (geht sehr oft kohärent mit der Hautpigmentierung), anderen, so wie mir, nicht. Da gibt es zwar auch viele Konzepte wie Taketina und noch esoterischeres, aber auch hier gibt es nicht nur einen Weg. Dennoch ein Metronom ist fürs üben eine sinnvolle Sache. Ich weiß, dass das üben mit dem Sklaventreiber keinen Spaß macht, aber das ist ein Anzeichen dafür, dass es effektiv ist. Neben Time zu Halten, habe ich persönlich oft Probleme mit der “und”. Da hat mir das spielen in der RaggaeBand einiges gebracht. Aber auch so einfach mal Offbeats spielen ist eine gute Übung.

Fernziel ist es, dass es einem ins Blut geht, man den Rhythmus fühlt und es von alleine groovt, swingt, tänzelt oder was auch immer.
In der Tat hilft es mir ganz oft, richtig in Time zu kommen, wenn ich mich beim spielen zur Musik bewege. Persönlich empfinde ich den Rhythmus als einer der körperlichsten Aspekte in der Musik.

Stücke erarbeiten
Für Antirhytmiker macht es oft auch Sinn, Stücke erstmal rhythmisch zu erarbeiten. Bevor man das Instrument in die Hand nimmt, Klatscht und Singt man das Teil auf einem Ton durch. Danach nimmt das Instrument und spielt es nur auf einem Ton.

Schwere Passagen sollten gesondert geübt werden. Bloß nicht Stücke immer von vorne bis hinten spielen und dann über die schweren Stellen stolpern.
Bei vielen schnellen technisch anspruchsvollen Stellen helfen folgende Methodiken:
Krebst euch von hinten durch. Spielt nur die letzten 4 Noten, wenn die setzen, übt die 4 davor, wenn die dann auch setzen, setzt diese Zusammen und erarbeitet euch so die ganze Passage.
Das ist die „Salamitaktik“.
Auch gut ist es, solche Passagen in verschiedenen Rhythmen zu spielen. Z.B. Triolisch, umgekehrt Triolisch (also die kurze Note zuerst) oder spielt 8tel (bzw 16tel) Gruppen mit immer einer rythmischen und tonlichen Gewichtung auf einer Noten der Gruppe: 4888 4888 4888  bzw 8488 8488  8488  usw.
Die Lange Note dient einerseits als Ruhepunkt wie auch Impuls. So geht die Passage besser richtig in die Finger.
Am besten erarbeitet man sich so die Stücke von hinten ab.

Ein weiterer sehr effektiver Weg zur erarbeitung von Stücken, ist Singen. Wenn man ein Stück nicht singen kann,  zeigt da,  dass man noch nicht verstanden hat, was musikalisch passiert, bzw. dass man sich das Stück noch nicht vorstellen kann. Kann man das Stück singen, sind Ryhthmus, Intonation, Melodie und Stilistik schon klar in der Vorstellung und das muß dann nur noch auf das Instrument übertragen werden. Das ist ein deutlich kleinerer Sprung, als gleich das ganze Stück auf dem Sax zu spielen.

Was man nie machen sollte: Fehler stehen lassen. Also wenn man sich verspielt, nicht einfach weiterspielen, so scheifen sich Fehler nur noch mehr ein. Man nimmt sich die verfehlte Passage herraus und übt sie, bis sie mehrfach hintereinander fehlerfrei funktioniert hat. Der Expertenmodus ist 7mal fehlerfrei hintereinander, aber schon drei mal kann schon frustig genug sein. Da sieht man ganz oft, wo man eigentlich steht und mit was für einer Geschwindigkeitman eigentlich üben müßte.

Musikalität und Hören
Würde eine gute Technik und ein guter Sound ausreichen, bräuchten wir keine Musiker, denn das können Roboter inzwischen auch schon. Ich meine, dass man sich Musikalität nicht wirklich in einer Übebox trainieren kann. Ich persönlich bin der festen Überzeugung, dass gute Musik (besonders Jazz) im Zusammenspiel mit anderen Musikern geschieht. Also sucht euch Bands, Projekte und Gruppen und geht auf Sessions. Eine Stunde Session kann mehr bringen, als 10 Sunden in der Box. Es geht also ums Zuhören. Natürlich, erstens, damit man mit den anderen spielt und nicht nur für sich, aber auch um musikalische Ideen und Vorstellung aufzusaugen. Auch hier kann ein Lehrer eine verdammt große Hilfe sein.
In die selbe Sparte gehört auch, Platten zu hören. Massenweise. Wenn man etwas spielt, wäre es gut es Stilecht spielen zu können. Zwar kann man Bach verjazzen und triolisch durchbraten, klingt nicht immer gut und klassische Musik ist das dann bestimmt nicht mehr. Klischees zu kennen und bedienen zu können ist nie falsch. Man muß es ja nicht immer so spielen.
Im Jazz geht nichts über eine gute Jazzphrasierung. Daher sollte ein Saxophonist sich damit auch gründlich damit beschäftigen. Gott sei dank gibt es dafür viele gute Schule von Greg Fishman, Jim Snidero und Konsorten.
Gerade im Jazz ist eine gute Technik zum erlangen der Stilistik und erlernen eines Jazzvokabulars (typische Licks, Motive, Lines), das heraushören von Soli (gerne Charlie Parker). Das stammt vor allem aus Zeiten, als Jazz noch nicht an Hochschulen Unterricht worden ist im Handel noch keine Massen an Jazzschulen gab. Damals gab es nur die Platten, und wenn man Bebop spielen lernen wollte, mußte man Parker raushören. So war das damals. Dennoch ist immer noch eine gute Methode Ohr und Stilistik zu schulen. Die Methodik ist folgendermaßen. Die Platte zig mal hören, bis man es auswendig singen kann. Dann das Instrument nehmen, und versuchen nachzuspielen, danach erst aufschreiben. Vielleicht sollte man nicht gleich mit Parker Anfangen. Desmonds Take5 Solo ist z.B. ein schöner Einstieg.
Desweiteren sollte man sich regelmäßig auch mal selbst zuhören. Beim spielen kriegt man so einiges nicht mit. Daher am besten selbst aufnehmen und sich in Ruhe analysieren. Selten ist man damit zufrieden, weil man nur Fehler hört. Aber das ist gut so.

So, das ist erst mal genug Text. Wie gesagt, jeder muß beim Üben schließlich seinen eigenen Weg finden, der für ihn funktioniert, aber ich hoffe, das der ein oder andere hier ein/zwei gute Anregungen bekommen hat.  Ich will auch nochmal darauf hinweisen, dass das jetzt keine Aufforderung alle vorgesetzten Übmethoden über den Haufen zu schmeißen. Man braucht schon ein System; und durchdacht sollte es ein.
Aber wenn ich mal ganz ehrlich bin, so ganz befolge ich meine Übratschläge auch nicht immer. Aber ich versuch es zumindest.

Ein Plädoyer für Saxophonuntericht

Ich weiß jetzt schon, dass vielen was ich hier schreibe etwas aufstoßen wird. In meiner Forumszeit war ich an einigen hitzigen Diskussionen beteiligt und auch aktuell wird immer mal wieder darüber gestritten. Ich möchte nun einmal dafür plädieren, dass man dem Lehrer doch mal eine Chance gibt, da es meiner Ansicht nach einige Gründe dafür gibt aber eigentlich keinen dagegen. Hier handelt sich nur um meine persönliche Meinung, die allerdings auf so manchen eigenen Erfahrungen (sowohl viele über die Internetforen als aber auch im echten Leben in den Hobbyorchestern) beruht.

Naja, zuerst ist einmal die Frage, was man eigentlich möchte. Wem es reicht, O-Tannebaum unter dem Weihnachtsbaum zu dudeln; das kann sich wirklich jeder selber beibringen. Wer allerdings wirklich Musik machen möchte, also mit anderen Spielern musizieren möchte, sich auf die Bühne stellen möchte um vor Publikum aufzutreten, da kann ich nicht verstehen, warum man meint auf einem Lehrer ohne weiteres verzichten zu können.

Ich will nicht sagen, dass es keine guten Spieler gibt, die sich das Saxophon selber beigebracht haben, aber die Mehrheit der Autodidakten klingen leider aber auch danach. Dafür gibt es aber auch Gründe, aber dazu später mehr, wenn ich über die Argumente für und gegen den Unterricht rede.

 

Ich weiß nicht, wo der Irrglaube her kommt, dass das Saxophon ein sehr leicht zu spielendes Instrument sei und man es sich problemlos selber beibringen könnte. Es kommt ja auch keiner auf die Idee, sich Geige ganz alleine beibringen zu wollen. Also warum sollte das beim Sax so gehen? Und wie kommt man zum Schluß, dass Unterricht nur Zeit und Geldverschwendung ist und man selbst darauf nicht angewiesen sind, wenn doch die meisten anderen es für nötig halten und hingehen? Zwar mögen die Griffe recht überschaubar sein, und schnell erzielt man erste Erfolge, aber der Schein, dass deshalb das Instrument leicht ist, trügt. Das ungewöhnliche bei Blasinstrumenten ist, dass man den Ton selber erzeugt und gerade beim Saxophon ist der persönliche Sound entscheidend. Die Ausbildung dessen dauert Jahre. “Nur” Seite zupfen oder Taste anschlagen reichen hier nicht aus. Zudem ist das Saxophon intonatorisch ein recht zickiges Instrument.
Desweiteren ist das Saxophon ein Jazzinstrument, also ist die Improvisation sehr wichtig. Ich meine gerade für die Entwicklung einer guten Improvisation ist ein zweites paar Ohren und eine zweite Meinung, sowie Ideengeber und Anleitung mehr als nur hilfreich.

 

Zunächst möchte ich über die Gründe reden, die gegen den Unterricht sprechen. Oft wird gemeint, dass Unterricht zu teuer ist. Man muß ja nicht unbedingt wöchentlich Unterricht nehmen. Es gibt zahlreiche Lehrer die privat unterrichten, bei denen man also auch Einzelstunde nehmen kann und nur ein oder zweimal im Monat Unterricht nimmt. Wem dann ein ausgebildeter Lehrer immer noch zu teuer ist, kann sich ja nach einem Saxophonstudenten oder fortgeschrittenen Schüler umschauen. Die wissen oft auch schon sehr viel und können einem das eine oder andere zeigen. Außerdem, wer sich ein Instrument für über 1500 Euro zulegt, der kann auch im Monat 20 Euro für einmal Unterricht abzwacken. Wird sich auf Dauer garantiert mehr bezahlt machen, als das Upgrade zu einem Selmer. Eine weitere kostengünstige Alternative ist Gruppenunterricht.

Ein anderes oft gelesenes Argument: man hat keine Zeit noch einen Lehrer aufzusuchen. Wer im Monat keine zwei Stunden für Unterricht abzwacken kann, der wird auch keine Zeit haben, sich ein Instrument selber beizubringen. Wenn das autodidaktisches Erlernen eines Instrumentes eines ist, dann ist es zeitaufwendiger.

Zuletzt hört man auch immer wieder, dass es einfach keinen Saxophonlehrer in der Gegend gibt. Das finde ich immer sehr verwunderlich, da mir als Saxophonist auffällt, dass es diese (also meine Konkurrenz) halbwegs qualifiziert wie Sand am Meer gibt. Wer allerdings im abgelegensten Dorf lebt, könnte in der Tat Probleme damit haben, aber solche Dörflinge sind es gewohnt für verschiedene Besorgungen in die nächste größere Stadt fahren zu müssen, das könnte man geschickt mit einem Besuch bei einem Lehrer verbinden.

 

Also woran liegt es, dass sich einige anscheinend etwas dagegen sträuben, Unterricht zu nehmen. Ich habe da einige Vermutungen, wobei diese selten wirklich nett klingen, wenn man diese ausspricht. Aber allgemein denke ich, dass viele nicht wirklich Kritik hören wollen oder ihnen bewußt gemacht wird, wo sie wirklich stehen. Ich meine auch, dass einige sogar eine gewisse Angst haben, dass ihnen gesagt wird, dass sie bisher etwas grundlegend falsch gemacht haben.
Erst neulich ist mir so eine Situation in einem Forum unter die Augen gekommen. Ein Anfänger (2Monate Autodidakt) hat eine Probestunde bei einem echtem Lehrer, kommt zurück und beschwert sich, dass der Lehrer ihm sagt, dass sein Ansatz falsch sei, obwohl er sich diesen aus mehreren Büchern selber so beigebracht hat. Prompt springen viele andere Forumsmitglieder (die meisten davon auch Autodidakten) dazu und meinen alle, dass der Lehrer total schlecht ist und keine Ahnung haben, obwohl keiner ihn kennt.

 

Aber gerade das macht meiner Meinung nach einen guten Lehrer aus; dass er ehrlich und offen sagt was falsch ist und sofort mit einem Tipp aufwarten kann, wie man es richtig macht. Keiner hört gerne Kritik und nicht jeder ist wirklich kritikfähig, aber wer konstruktive kompetente Kritik zu Nutzen weiß, wird schnell Fortschritte machen können.

Ich bezahle meinen Lehrer nicht dafür, dass er kontrolliert, dass ich meine Hausaufgaben gemacht und fleißig geübt habe oder das er mich motiviert. Das gilt vielleicht so für das Unterrichten von Kindern aber Erwachsene müssen selber wissen, wie sie vorankommen können und woher sie ihre Motivation ziehen. Klar ist es schön, wenn der Unterricht einem Spaß macht, aber wichtiger ist mir zumindest, dass er produktiv ist.

Der Lehrer ist dazu da, das gespiele anzuhören, zu bewerten und zu zeigen, wie es besser geht. Selbst wenn ich gar nichts vorbereitet habe, lerne ich bei meinem Lehrer immer sehr viel, manchmal sogar mehr, als wenn wir etwas vorbereitetes durchkauen. Dann wird halt irgendein Standard behandelt, spielen und reden ein wenig über das Thema und gehen dann zur Improvisation.

Manche haben auch sehr „grätchenhafte“ Vorstellungen, was ein guter Saxlehrer machen sollte. Er sollte fragen, was jemand spielen möchte und mit einem nur Sachen machen, die einem Spaß machen. Auch das sehe ich ein wenig anders. Klar, sollte der Lehrer auch auf die Wünsche des Schülers eingehen, aber es gehört auch dazu, dass er den Schüler bestmöglich ausbildet. Dazu gehört das triezen zu Tonleitern, Longtones, Intonationsübungen, Etüden und anderen unliebsamen Kram, der zwar oft sehr langweilig ist dafür aber didaktisch sehr wertvoll und viel für die Entwicklung bringen.

In meinem Fall möchte ich auch ein kompletter Saxophonist werden, dazu gehört dann auch, dass ich Popschnulzen spielen kann und dazu hat mich mein Lehrer auch schon mal durch Kenny G oder anderen Popkitsch gequält. Genauso hat er mich durch ein Duke Ellington Playalong durchgeschleppt, damit ich endlich eine authentische Swing/Jazzphrasierung und Stilistik entwickle.

Also kurz, Unterricht bietet eine professionell angeleitete Entwicklung, welche schneller, produktiver, problemorientierter, zielgerichteter und vielseitiger ist als wenn man nur alleine zuhause zu seinem Lieblingsplayalongs spielt.

 

Das Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer sollte natürlich schon passen und natürlich sollte die Stilistik des Lehrers auch einem gefallen, denn der Lehrer ist auch immer ein erheblicher Einfluss.

Einige haben auch Angst, dass sie an einen schlechten Lehrer geraten. Klar gibt es bessere und schlechtere, aber selbst ein nicht so guter, dürfte zumindest am Anfang einen noch sehr viel zeigen können. Und so viele Nieten, wie es manchmal in den Foren wirkt, gibt es nun doch nicht. Jemand, der ein Diplom in der Tasche hat oder sich sonst mit seiner Musik über Wasser hält, wird schon etwas können.

Außerdem sind Lehrer auch nur Menschen. Man kann nicht erwarten, dass er alles weiß und perfekt ist. Und wer ganz tollen Unterricht haben möchte, der kann auch an die Hochschule gehen und teuren Privatunterricht bei den Saxophonprofessor nehmen.
Vor allem gerade am Anfang ist ein Saxlehrer mehr als ratsam. Es gibt sehr viel, was man sich leicht falsch aneigenen kann, was sich dann später rächt und man sich nur sehr schwer wieder abgewöhnen kann; Ansatz, Luftführung, Fingertechnik usw.

Ein Anfanger kann gar nicht wissen, was da alles wichtig ist. Man kann so sichergehen, dass man seine spätere musikalische Entwicklung auf einem gutem Fundament aufbaut.

 

Wer dann irgendwann erkennt, dass sein Lehrer doch nicht so gut ist, oder man keine Fortschritte mehr macht, weil man schon zu lange bei dem Lehrer Unterricht hatte, kann man immer noch wechseln. Manchmal ist das sogar sehr gut, da mehrere verschiedene Einflüsse einen doch sehr bereichern können.

 

Klar, brauch man nicht ewig Unterricht nehmen und kann irgendwann auf eigenen Füßen stehen. Aber persönlich bringt mich mein Unterricht immer noch voran und ich merke meine kontinuierlichen Fortschritte. Diese Effizienz ist für mich Grund genug, warum ich gar nicht daran denke damit aufzuhören. Während meiner Wehrdienstzeit und meinen ersten Studienjahren hatte ich leider gar keinen Unterricht. Dort stagnierte ich mit meiner Entwicklung und machte vielleicht sogar ein paar Rückschritte, da ich nicht täglich gefordert wurde.

 

Natürlich gibt es Ausnahmen die sich sehr wohl das Saxophon selber beibringen können. Gerade wenn man schon Musiker ist (und im optimalsten Fall von einem anderem Blasinstrument kommt) hat man gute Chancen auf ein gutes Ergebnis. Musikalisches Verständnis, Wissen und Technik sind schon vorhanden. Aber noch wichtiger, es wird schon eine richtige Arbeitsmethode beherrscht. Man weiß, worauf es ankommt und hat selbstkritisch genug zu sein.

Da reicht es schon für den letzten Schliff, wenn einem ein Saxophonkollege mal auf die Finger schaut.

Wenn jemand genug Talent, Ehrgeiz und Zeit hat, sowie selbstkritisch genug ist, dann kann sich auch ein Musikneuling das Saxophon selber beibringen jedoch würde er mit Unterricht dann vielleicht doppelt so schnell vorankommen und nicht die Gefahr laufen und sich irgendwechleche Fehler aneignen.

 

Außerdem hatten selbst die ganz großen Jazzlegenden Unterricht in ihren jungen Jahren Unterricht. Miles Davis war Sohn eines Zahnarztes, hatte normalen Trompetenunterricht, hat sogar in New York angefangen dort zu studieren und bekam dann seine „letzten Jazzlehrjahre“ im Charlie Parker Quintett.

 

Ich will hier jetzt keinem, der sich das Saxophon selber beigebracht hat oder noch will, seine Mühen und Arbeit schlecht reden, sondern ich will dazu ermutigen, es vielleicht doch mal mit einem Lehrer zu versuchen. Ich will auch nicht sagen, dass sich das Saxophon selber beizubringen unmöglich ist (ich kenne ein paar gute Ausnahmen), aber ich bin persönlich überzeugt, dass Unterricht einfach produktiver und effizienter ist und zudem gerade am Anfang schlechte Angewohnheiten verhindern kann.
Wie ich nun recht ausführlich (und wahrscheinlich zu ausschweifend) erklärt habe, gibt es für mich eigentlich keinen vernünftigen Grund gegen aber viele Gute für Unterricht.